Keinen Oscar für innere Arbeit

Keinen Oscar für innere Arbeit

Oftmals wird der innere Weg als Landkarte der Seelenführung beschrieben. Für mich ist der Innere Weg mit der einhergehenden inneren Arbeit ein Erfahrungsprozess für Menschen, welche sich selber finden möchten und bereit sind, alle die damit einhergehenden Prozesse zu durchlaufen. Es ist keine Philosophie, Gebotsliste oder Eso-Pop-Spiritualität. Der Innere Weg kann zur Selbstrealisierung und Verwirklichung unserer wahren Natur auf dem jeweiligen Weg führen. Die eigene wahre Natur zu erkennen bedeutet, die Seele endlich in “Inkarnation zu bringen”. Die wahre Natur zu verwirklichen bedeutet, einen Integrationsgrad zu erreichen, der die Verkörperung dieser tieferen Dimension unseres Seins ermöglicht.

Viele Menschen verspüren jetzt den Impuls, sich früher oder später mit ähnlichen Fragen auseinanderzusetzen:
Wohin will ich in meinem Leben?
Was will ich erreichen?
Ist das, was ich anstrebe, wirklich das, was ich will?
Lebe ich wirklich mein Leben?
Bin ich bereit, alles zu durchleben, was das Leben mir bringt und alles loszulassen, was es mir nimmt?
Und was will das Leben von mir, wohin will es mich führen?
Woran halte ich fest, obwohl schon lange kein Leben mehr darin ist; und was vermeide ich, obwohl meine Lebenskraft darin steckt?

Diese Fragen sind nicht philosophische Spielerei, sondern die Grundfragen, die wir durch unsere alltägliche Lebenspraxis so oder so beantworten: zu unserer Zufriedenheit oder zu unserem Leidwesen.

Und so beginnt der “Aufwachprozess” und man findet sich auf dem spirituellen Marktplatz wieder mit seiner Vielzahl von Wegen, Prozessen, Perspektiven, Traditionen und Prinzipien. Schon allein die ungeheure Aufgabe, sich in der Komplexität der Arbeit mit der Psyche und dem Ego zurechtzufinden, verlangt eine fein abgestimmte Fähigkeit zu unterscheiden.

Nichts ist so hungrig wie das menschliche Herz.

Manchen Menschen scheint der Weg entgegenzukommen und sich in ihr Leben einzufügen. Sie gehen gerade ihrer gewöhnlichen Tätigkeit nach, wenn mittendrin irgendein Mensch, ein Buch oder eine Erfahrung auftaucht, ihre Welt erschüttert und so laut zu ihnen spricht, dass sie es nicht länger verleugnen können. Es kommt als eine große Offenbarung und fühlt sich dennoch so intim und vertraut an. So ist das bei spirituellen Wegen oft. Etwas scheinbar Neues erscheint in unserem Leben und dennoch wissen wir, dass es immer bei uns gewesen ist.

Ob wir nun suchen oder nicht, die Entdeckung des eigenen Weges ist oft die Zeit einer großen Feier für das menschliche Herz. Es kommt der persönliche und intime Übergangsritus “ich bin gefunden worden”. Oft bringt das erleuchtende Erfahrungen und Einsichten mit sich. Der Weg erscheint einfach und offensichtlich. Alles was wir tun müssen, ist lernen, verstehen, den Geist beruhigen, die Übungen regelmäßig machen und mit der Zeit werden sich dauerhaft Frieden und Selbsterkenntnis bei uns einstellen.

“Und Gott amüsiert sich darüber, dass du einst versucht hast, ein Heiliger zu sein”, schreibt der Persische Mystiker Hafez. Wenn wir Glück haben, dauert der anfängliche Eintritt in spirituelles Leben, die großen spirituellen Flitterwochen, ebenso lange wie die Phase der Flitterwochen bei einer großen Romanze: Monate, vielleicht sogar Jahre. Bei den meisten tritt jedoch die Phase der Ernüchterung ziemlich schnell ein und sie verlieren ihre ursprüngliche Motivation und Freude durch das ständige Vermischen der einzelnen Schulen, Methoden und Lehren. Alles wird zu einer langweiligen braunen Brühe zusammengerührt und das anfängliche Feuer geht langsam aber sicher aus. Der Innere Weg des Erwachens geht in die Phase der dazugehörenden Herausforderungen wie Selbsttäuschung, Zusammenbruch und heilsame Krisen und oft auch die Desillusionierung ihres Traumes von der Erleuchtung und den Lehrern, die sie als erleuchtet bezeichnen. 

Was ist passiert?

Wenn Menschen durch ihren Erwachensprozess gehen, beginnen sämtliche persönlich-menschliche emotionalen Wunden hochzukommen, sodass sowohl die Kindheit und alle traumatischen Ereignisse dieses Lebens, als auch unerledigte Themen aus vergangenen Leben, emotional zum Abschluss gebracht bzw. integriert werden müssen. Das verstehen die meisten noch. Was sie immer wieder auf dem Weg vergessen ist, dass dieser Prozess niemals mehr wirklich aufhört. Er bewegt sich nur wie eine Spirale in eine immer höhere (oder tiefere) Ebene.

“Wie lange dauert das denn noch und wann kommt denn endlich die gute Zeit für mich und die Welt?” Oder “Jetzt muss mal Schluss damit sein, ich habe das ja schon alles tausendmal prozessiert und losgelassen!” sind Sätze, welche ich sehr sehr oft höre. Auch von Menschen, die schon viel Erfahrung auf dem Inneren Weg und mit Innerer Arbeit haben. Der Schmerz, den viele fühlen, wenn die Leichtigkeit, der Überfluss und das Schöne, das uns von “da oben” prophezeit und versprochen wurde, nicht eingetroffen ist, löst oft handfeste Krisen aus. Diese Fragen stehen immer wieder im Raum wie ein großer rosafarbener Elefant, egal ob im geheimen oder laut, egal wie lange man schon auf dem Weg ist, heilgeworden und in den höchsten Sphären der Spiritualität herumschwirrte. Viele fühlen sich bis ins Mark enttäuscht, verraten, an der Nase herumgeführt. Sie haben ja alles versucht und doch scheint es nicht besser zu werden. Sie unterstützen viele unzählige andere auf ihrem Weg, geben ihnen Impulse und sehen, wie wunderbar sie sich entwickeln, aber was ist mit einem selbst? Noch ein Channeling? Ganz weg von der doofen Esoterik? Zurück zur Kirche? Einen neuen Tantra Kurs, Lachyoga oder vielleicht sogar an einer Ayahuasca Zeremonie teilnehmen?

Menschen sind (meistens) sehr komplexe Wesen und alles, was in den feinstofflichen Körpern “eingelagert” und geparkt ist, dauert oft ein ganzes Leben, um es zu finden, zu transformieren, zu heilen, zu integrieren, anzupassen und zu befreien. Deshalb ist halt nie wirklich “Schluss”. Deshalb sind wir auf dem Inneren Weg bis zu unserem letzten Atemzug damit beschäftigt, zu prozessieren, erkennen, integrieren, um so immer mehr Bewusstsein in ALLE Ebenen unseres Seins zu bringen. Auch wenn wir die vermeintlich selbe Straße tausendmal runter gehen. Und dieser Fakt wird immer wieder verdrängt, geleugnet, vergessen. Es “verkauft” sich sehr schlecht, deshalb werden viele Spirituelle Heiler, Energetiker, Coaches, Schamanen und Lehrer diese Tatsache nicht verraten. Das ist das gut gehütete Geheimnis – The Real Secret.

„The Secret“, wie Autorin Rhonda Byrne es nennt – war wenigen Auserwählten der Menschheitsgeschichte gegenwärtig. Die Smaragdtafel des Hermes Trismegistos, die Keimzelle aller heute bestehenden esoterischen Systeme, hat es ausgedrückt mit den Worten: „Wie innen, so außen“. Große Geister wie Platon, Leonardo da Vinci und Einstein haben um das Geheimnis gewusst; moderne Autoren wie Neale Donald Walsch und Bärbel Mohr haben in jüngster Zeit eine Millionen-Leserschaft damit inspiriert. „The Secret“, das als Dokumentarfilm schon weltweit erfolgreich lief, beweist in einer überzeugenden Mischung aus Erklärungen der Autorin und Zitaten bekannter Weisheitslehrer die Wahrheit einiger grundlegender Erkenntnisse: Wir sind selbst Schöpfer unserer Realität. Die Dinge, die uns im Alltag begegnen, haben wir durch die eigene Gedankenenergie angezogen. Die Kraft, die wir „Gott“ nennen, war und ist nie wirklich von uns getrennt.”

Zitat aus der Amazon-Buchbeschreibung.

Klingt doch super, oder?

Die Verkaufszahlen alleine dieses Buches sind der lebendige Beweis dafür, wie leicht Menschen verwirrt werden können. Die Verwirrung besteht nicht darüber, dass das alles nicht wahr ist, sondern darin, dass es meistens LANGE dauert, diese Weisheiten hier im physischen Leben umzusetzen. Und nein, für alle deine Bemühungen bekommst du keinen Oscar, keine besondere Erwähnung, kein “Sehr Gut” am Ende des Weges. Die New Cagers (Wortspiel aus New Age und Cage – Käfig) “bestellen” sich einfach alles; klar doch. Man ist halt noch nicht soweit, wenn das bei einem noch nicht so funktioniert, nicht wahr?

Und, The Secret hat nichts mit einem spirituellen Weg zu tun, nur um das mal klar zu sagen. Positiv ausgedrückt würde ich es als eine Einladung zum Umdenken bezeichnen; dafür hat es einem guten Zweck gedient. Ansonsten kann man es getrost zur Seite legen. Auch Hatha Yoga, Reiki, Aufstellungen, Astrologie, Tarot und die unzähligen Methoden und Ansätze auf dem Marktplatz sind keine spirituellen (inneren) Wege, sondern Methoden das Bewusstsein zu trainieren und Körper und Geist vorzubereiten auf die schwierige und tiefere Arbeit, die auf dem Inneren Weg auf einen zukommt.

Es gibt keine Wunderantwort oder einen Wunderweg mit leichten und schnellen Lösungen für alle Probleme des Lebens und des spirituellen Weges!

Wir kommen aus diesem Schmerz-Enttäuschungs-Karussell erst heraus, wenn wir aufhören, Spiritualität mit Psychotherapie, Heilung und schnellem Eso-Konsum zu verwechseln. Wenn wir aufhören, allen diesen “Lehrern” zu glauben, die versprechen, dass sie die schnelle, einfache, superwirksame Lösung für oft sehr komplexe Probleme haben. Man kann eben nicht alles einfach “auflösen”, ein paar Aufstellungen dazu machen und puff, es ist weg. Es gibt 2 Punkte, vier Schritte, fünf Sätze, Quanten dieses und jenes … viele verwechseln ein YouTube Video anschauen mit ernsthafter Therapie oder damit, einen Inneren Weg zu gehen. Sich stundenlang Gratis-Eso-Kongresse und Verschwörungslektüre reinzuziehen informiert vielleicht unser Gehirn und befriedigt den gierigen Teil in uns, der nie genug Gratiszeugs kriegen kann, aber gleichzeitig werden wir mit vielen Gedankenmustern berieselt, die ungefiltert in unser Feld einmarschieren und energetische Haken setzen, die man dann nicht mehr so leicht los wird. Und egal wieviel man liest, anschaut oder darüber nachdenkt oder diskutiert, letztendlich bringt es einen keinen Schritt weiter.

Wie alles im Leben muss auch der Innere Weg ernsthaft gegangen werden, man muss sich mit Leib und Seele dafür engagieren und es wirklich WOLLEN, auch wenn’s oft schwer fällt.

Schlussendlich muss eine Verpflichtung eingegangen werden zwischen dem begrenzten Selbst und dem grenzenlosen Selbst, zwischen einem selbst und Gott oder der Wahrheit, und dann erst beginnt die tiefere Arbeit des Weges.

Eine der verwirrendsten Herausforderungen für spirituell Suchende ist, dass nach all den Jahren immer noch Spiritualität und Psychologie miteinander verwechselt werden. Es sind ZWEI verschiedene paar Schuhe! Auf dem Inneren Weg braucht es beides: Spiritualität und oftmals Therapie, um sich gesund und halbwegs sicher entfalten zu können. Der italienische Psychiater und Begründer der Psychosynthese, Roberto Assagioli, weist darauf hin, dass eine vollständige Psychotherapie nicht nur psychische Störung behandelt, sondern darüber hinaus spirituelles Erwachen fördert, damit man dann intelligent mit den Schwierigkeiten und neuen Herausforderungsstufen, die ein Erwachen mit sich bringt, umgehen lernt. Wenn wir neue Schichten unseres Bewusstseins zu Tage fördern, entdecken wir unvermeidlich auch das, was in uns auf persönlicher, familiärer, kultureller und historische Ebene nicht vollkommen und nicht geheilt ist. Das ist kein Problem, das man fürchten und nichts Falsches, das man berichtigen müsste, sondern ein notwendiger und gesunder Aspekt spiritueller Entfaltung, dem man mit zunehmend scharfer und wirksamer Unterscheidungsfähigkeit begegnen muss.

Es geht nicht um Erleuchtung, Glück oder “aus der Fülle leben”.

Was oft passiert ist, dass Innere Personen, die ihrer Essenz nach spirituell sind, häufig kompensatorische spirituelle Wege entwickeln: Manche flüchten sich zu Engeln, Elfen und Schöpfer, weil Kontakt mit den Menschen unvergleichlich schwerer und schmerzhafter erscheint. Andere wiederum tauchen in vergangene Leben ab. Jene sind wenigstens schon überstanden und rückblickend erscheinen sie viel cooler, spannender, erfüllter oder spektakulärer als das, was Jetzt Hier Ist. Ein wieder anderer verschwindet gern im nondualen Nichts und erklärt dies zum ultimativen einzigen Endzustand, um irdisch-menschliche Zustände nicht ertragen zu müssen oder zumindest genug Abstand dazu zu erhalten. Dann gibt es die große Gruppe der “Erwachten” die zu 100% wissen, dass man heutzutage sowieso nichts mehr prozessieren muss, außerdem ist alles Karma erlassen worden und der Erzengel Michael/Gott/Mutter Maria hat sie schon längst von allem erlöst … Jemand anderes möchte endlich wieder mit Schöpfer eins sein und überdeckt damit regressive früh-kindliche SymbioseWünsche, die auf ungeheilten Kindheitstraumata beruhen.

Eine der größten Tragödien (für die Seele) nimmt ihren Lauf, wenn Menschen mit einer Leidenschaft für die Wahrheit, für Gott, sich vom spirituellen Weg abwenden, weil sie nicht über die Enttäuschung hinwegkommen, die sie mit einem spirituellen Lehrer erlebt haben oder über ihre eigene Naivität für ihre Mitwirkung an einer nicht gerade optimalen Situation. Ihre Seele verliert die Gelegenheit zu nachhaltigem Wachstum in dieser Lebenszeit hauptsächlich aufgrund psychologischer Umstände, die sie hätten überwinden können. Wir wollen uns noch einmal daran erinnern, dass keiner von uns dagegen gefeit ist, in die Falle von spiritueller Verwirrung und spirituellem Trugschluss zu gelangen. 

Es existieren unglaublich viele Missverständnisse und Unwissenheit darüber, was ein spiritueller Meister/Lehrer überhaupt ist (existiert in unserer Kultur praktisch nicht), darüber, wie die Natur des Inneren Weges beschaffen ist und darüber, was unter “wahrem Menschsein”, “Heilung” “Bewusstsein” und “Wachstum” eigentlich zu verstehen ist. Große Unwissenheit zeigt sich im Geist westlicher Suchender häufig auch, wenn es um die Bedeutung verbindlicher Schülerschaft auf dem Inneren Weg geht. Dazu kommt noch das Problem, dass in unserer deutschsprachigen Gesellschaft jeder spirituelle Lehrer oder Guru unter dem Generalverdacht der Manipulation von Menschen steht. Menschen wünschen sich einerseits Autoritäten, nach denen sie sich orientieren können, andererseits ist die Beziehung zu natürlichen Autoritäten spätestens seit dem 2. Weltkrieg massiv gestört. So sind auch spirituelle Gemeinschaften um einen Lehrer folgerichtig einem pauschalen Sektenverdacht ausgesetzt und werden immer wieder öffentlich diskreditiert. Wie aber kann man einen wahren von einem falschen Lehrer unterscheiden? Wo ist der Übergang zwischen blinder Gefolgschaft und sehender Hingabe?

Die Amerikanerin Mariana Caplan untersucht in ihrem Buch “Brauchst du einen Guru?” ausführlich den Weg zu einer bewussten Schülerschaft. Er ist der rote Faden in dieser umfassenden Studie des großen Labyrinths der Schüler/Lehrer-Beziehung in der westlichen Kultur. Ihr Beitrag „speist sich aus mehr als zwanzig Jahren Kontakt und persönlichem Engagement mit so ziemlich jeder Art Guru, Schmuru, Tulku, Sensei, Sheikh, Schamane, Rabbi, Therapeut, Weisem, Mentor, Nicht-Lehrer, Heiler und Göttlicher Mutter, die man sich vorstellen kann.“

DU bist der liebe Gott, der jetzt gefragt ist.

Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern indem man die Dunkelheit bewusst macht, sagte Carl Gustav Jung. Auch ich musste mein Ziel der Erleuchtung (im klassischen Sinne, nicht Erleuchtung der Pop-Spiri-Szene) zu Grabe tragen, denn sie repräsentiert das Gedankengut (alter) spirituell/mentaler Wege. Wenn jemand so einen Weg beschreitet, dann passt das so für die Person, zumindest für eine Zeit. Die meisten Suchenden auf dem Weg haben oft eine grandiose Vorstellung von ihrem spirituellen Potential. Die geheime Fantasie, sie hätten einen besonderen Zugang zur Erleuchtung, ist oft eine der größten Fallen auf dem Weg. Das ist besonders während der frühen Jahre unseres spirituellen Lebens nicht unüblich, wo wir die Tendenz haben, uns von dramatischen Einsichten und überwältigenden Erfahrungen gefangen nehmen zu lassen. Aber, ein unablässiges inneres Bedürfnis hämmert an die Türen unseres Bewusstseins und verlangt von uns, in die Tiefe zu gehen, und dann gehts wieder weiter. Alle großen Meister, die gewagt haben, ihr Bewusstsein bis zu ihren äußersten Möglichkeiten auszudehnen, sagen, dass man den ganzen Weg auf Messers Schneide geht und dass er eine Straße ohne Wiederkehr ist. Sie sagen, dass der Preis für die Wahrheit höher ist, als wir uns zu Beginn des Weges je hätten vorstellen können und weit über das hinausgeht, was die meisten von uns zu zahlen bereit gewesen wären. Ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung zu hundert Prozent bestätigen.

Der spirituelle Weg eines jeden Menschen bringt seine ganz eigenen besonderen Bedürfnisse mit sich und es dauert (für die meisten) einige Jahre, bis sie sich zurechtgefunden und herausgefunden haben, welcher Weg ihnen am meisten entgegenkommt. Zen ist nicht für jedermann, Tibetischer Buddhismus oder Sufismus auch nicht, sich gänzlich von der Welt zurückziehen und/oder im Ashram verschwinden auch nicht.

Unsere Aufgabe als westliche Spirituelle Lehrer ist es, Spiritualität in das Alltagsleben eines “modernen” Menschen zu bringen. Spiritualität “alltagstauglich” zu machen, fern von jedem Getue und Geheimnis. Spiritualität von Religion und Psychotherapie zu trennen und authentische Wege für die ernsthaft Suchenden in der westlichen Welt anzubieten. Es gibt z. Zt.  kaum Innere Schulen / Mysterienschulen im Westen, also wenden sich die meisten Suchenden an östliche Lehrer, Lehren und Schulen, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Ein Reikilehrer, Energetiker, Auraleser usw. ist kein spiritueller Meister bzw. Lehrer, sorry.

Esoterik als “Geheimlehre” ist nicht mehr notwendig, nicht in dieser Zeit. Es braucht etwas Mut, ja, aber niemand stirbt heute am Scheiterhaufen. Das “Märtyrertum” durch Soziale Medien ist allerdings die Neuauflage davon, keine Frage. Wie oben bereits erwähnt, wir Spirituellen Lehrer stehen prinzipiell unter Generalverdacht und alle, die mit uns arbeiten möchten, müssen sich auch über diese Hürde hinwegsetzen können. Fragen wie “Was machst du da genau”? “Was tut ihr denn da”? Bist du jetzt in einer Sekte”? sind nicht immer leicht zu beantworten für diejenigen mit Familie und Partnern, die kein Verständnis für diesen “Blödsinn” haben. Alles Fremde ist bedrohlich und die Lektionen der letzten 2000 Jahre Kirche haben sich tief in das Unterbewusste der westlichen Menschen eingeprägt. Die offizielle Religion des Landes, des Volkes, der Nation ist erlaubt, alles andere ist nicht gerne gesehen oder richtiggehend verpönt. Es ändert sich, aber eher langsam (in manchen Ländern). Die diversen Verschwörungstheorien der letzen 25 Jahre haben ihres dazu beigetragen, dass Menschen auf dem Inneren Weg noch mehr verwirrt werden und sich am Ende ängstlich zurückziehen oder den Schmarrn ungefiltert inhalieren und schön in den Sozialen Medien weiterverteilen.

Im alten Ägypten mussten die Schüler der Mysterienschulen sich diversen Tests und Herausforderungen und den “Dämonen auf dem Weg” stellen. Es gab sogar physische Krokodile im Wasser, wie man im Tempel von Kom Ombo in der Nähe von Assuan (Ägypten) sehen kann, die den Jünger entweder durchließen, oder eben auch nicht. Der Jünger endete dann als Krokodil-Snack. Daran hat sich bis zum heutigen Tag nicht viel geändert; das Krokodil heißt jetzt nur anders, ist aber genauso tödlich für Mensch und Seele. Uns darüber den Kopf zu zerbrechen, ob die Erde eine Scheibe ist oder rund, die Queen ein Reptilianer oder Außerirdische uns entführen könnten, sind die neuen Krokodile des Tages. Über Maskenpflicht oder für “keine Impfpflicht” zu demonstrieren ist einfach bescheuert, eine riesige Energieverschwendung und eine Ablenkung par excellence.

Wenn jemand seine persönlichen Energien dafür einsetzen möchte und es einem hilft daran zu glauben, dass der Staat nur daran interessiert ist uns zu belügen, zu betrügen und unser größter Feind ist, dann bitte schön. Es ist deine Energie, dein Leben, deine Wahrheit, absolut, sie steht dir zu. Aber dann kann man sich nicht als spirituell oder bewusst bezeichnen, denn das ist man mit diesem Gedankengut ganz sicher nicht. Auf dem Weg wird allerdings ALLES sichtbar, auch alle geheimen Ängste, Irrungen und Verwirrungen, vor allem die der diversen mentalen Schichten. Corona ist eine wunderbare Gelegenheit, für sich selber herauszufinden, wo man denn wirklich steht (mit seinem Bewusstsein). Da lauern die Krokodile auf den “Jünger auf dem Weg” und sie warten (oftmals) mit viel Geduld auf ihn. Meistens gibt es eine reiche Ernte … und man darf wieder viel Zeit, Energie und die richtige Gelegenheit einsetzen, um aus diesem Schlamassel herauszukommen. Oftmals geht das erst wieder in einem neuen Leben …. aber man hat ja unendlich viele davon, nicht wahr …  🙂

Nicht alle auf dem Weg bewegen sich natürlich in den sehr verschmutzen und giftigen Astralebenen der Verschwörungstheoretiker, aber die Energie ist inzwischen schon so groß und heftig, dass sie uns alle immer wieder erreicht. Vor allem in der westlichen Medienlandschaft. Das Drama mit all den Verschwörungstheorien ist, dass sie meisten auch ein paar Körner Wahrheit enthalten, gemischt mit reiner Lüge und/oder Verzerrungen, und das macht sie so giftig, so zerstörerisch, so “Krokodilisch”. Bis man das alles wieder entwirrt hat, ist man so erschöpft und gestresst, dass es sich einfach nicht lohnt, sich damit zu befassen.

Ja, einen Weg des Erwachens, der inneren Schulung – einen spirituellen Weg zu gehen, bedeutet viel Anstrengung, viel Desillusionierung, viel Verantwortung und endlose Selbst-Arbeit. Ich kann nicht nur auf meinem Meditationskissen sitzen und Om chanten und den lieben Gott mal machen lassen, wir sind ja eh alle Eins … Von einem Bewusstseinszustand, wo wir alle EINS sind, sind wir noch mindesten 100 Millionen Jahre Entwicklung entfernt, also in dem Leben wird nix mehr draus, sorry.

Erwachen bedeutet in ALLEN LEBENSSITUATIONEN wach werden: Beziehung, Familie, Spiritualität, Politik, Arbeit, Ökologie & Umwelt, Kinder usw. Was sind MEINE Werte, was kann ich dazu beitragen … usw. Wir werden die Politik nicht verändern, wenn wir nicht wählen gehen, ganz einfach. Auf Merkel und Co. zu schimpfen ist einfach nur billig, sonst gar nichts. Und so geht es jedem von uns. Wir sind im Moment gezwungen, Seite zu beziehen, neutral zu sein gilt nicht. Jeder muss jetzt Farbe bekennen und es ist schon interessant, was sich da alles so zu zeigen beginnt. Rechtsradikales Gedankengut überschwemmt die spirituelle Szene geradezu und die meisten sind anscheinend nicht fähig, sich erst mal richtig zu informieren, bevor sie mit diesen Gruppen Seite an Seite in Demos stehen.

Unser lineares Denken ist an eine Grenze gestoßen, und wir stehen vor einem scheinbar unlösbaren Widerspruch. Genau an diesem Punkt haben wir die große Chance, unsere denkende, trennende Ordnung aufzugeben und den Inneren Weg zu betreten. Genau an diesem Punkt beginnt, streng genommen, erst der innere Weg des Menschen, der spirituell genannt werden kann. Es ist ein Weg, der für das alte Denken widersprüchlich, unvereinbar, unlösbar und unbegehbar ist. Die einzig mögliche Antwort, die wir auf dem Inneren Weg noch geben können, ist eine Antwort mit unserem ganzen Wesen, nicht mehr nur mit unserem Verstand.

Die CoReOn Schule für Innere Arbeit ist ein Angebot, ein Innerer Weg, der einladet, mit dem Lehrer, der Lehre und den Weggefährten zu gehen. Damit das Leben wieder lebenswert und lichtvoller wird und der Innere Weg wieder zur Herzensangelegenheit wird.

Wir sind aufgerufen, “jetzt die Frage zu lebenschreibt der Dichter Rainer Maria Rilke, damit wir “vielleicht dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein leben.“

 

 

Om Mani Padme Hum ?

 

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Es wird darauf hingewiesen, dass dieser Blog nicht zur Diagnose und Behandlung medizinischer und psychischer Erkrankung gedacht ist. Bei einer entsprechenden Indikation wird an die Eigenverantwortung der LeserInnen appelliert, einen fachkundigen und entsprechend ausgebildeten Mediziner, Psychotherapeuten oder Heilpraktiker aufzusuchen.

Emotionen im Digitalen Kommunikationszeitalter

Emotionen im Digitalen Kommunikationszeitalter

Geschrieben von Garry – ein CoReOn Student.

In der modernen Welt sind wir täglich einer Flut von Informationen ausgesetzt. Es sind Informationen, die häufig darauf abzielen, instinktive emotionale Reaktionsmuster in Gang zu setzen, um uns bei Laune zu halten und uns zum Mitspielen im wirtschaftlichen Wettbewerb und auf der Bühne des gesellschaftlichen Lebens zu motivieren. Eine solche Welt ist kein sehr friedlicher und ruhiger Ort für einen Menschen, der den Kontakt zu seinem innersten Selbst anstrebt und dabei versucht, in der einen oder anderen Entwicklungsphase innere Konflikte aufzulösen.

Man würde also eher an die Abgeschiedenheit als einen idealen Ort für Selbstfindung denken, aber kaum jemand kann es sich heute leisten bzw. vorstellen, sich als Aussteiger in ein Kloster oder einen Ashram zurückzuziehen. Für das Praktizieren der Lehren nach alten Systemen ist das allerdings ab einer gewissen Stufe für eine Weile nötig, aber genau an diesem Punkt ist ebenfalls ein Umdenken angesagt, wie dieser Beitrag zeigen soll. Diese oft zitierten Jahrtausende alten Lehren für die Kontaktaufnahme mit dem spirituellen Selbst sind für Menschen zugeschnitten, die sich im täglichen Leben nicht mit komplexen mentalen Aufgaben beschäftigen mussten und der Flut der Medien ausgesetzt waren.

Viele alte Meditationstechniken, die sich besonders darum bemühen, die gedankliche Konzentrationsfähigkeit zu meistern, sind für viele emotional-mental veranlagten Menschen von heute nicht mehr zeitgemäß und auch nicht notwendig. Der moderne Mensch durchläuft von Kindesalter an häufig eine stark (über) mental geprägte Entwicklung, die für jene Menschen vor 2000 Jahren – mit sehr wenigen Ausnahmen – nicht vorstellbar war. Ein erfolgreich abgeschlossenes Studium kann in vielen Fällen als langjähriges Training des Denkvermögens mit abschließender Sponsion oder Promotion im Sinne einer Einweihungszeremonie für die erreichte mentale Bewusstseinsstufe betrachtet werden. Das heißt, der Mensch hat zu einem gewissen Grad die Fähigkeit erworben, sein Denken auf eine rein intellektuelle Aufgabe zu konzentrieren, ohne sich durch (emotionale) Außeneinflüsse ständig ablenken zu lassen. Moderne Fitness-, Gesundheits- und Ernährungsprogramme und eine damit einhergehende gesunde Lebensweise tragen ihrerseits dazu bei, den Energiehaushalt und die Gesundheit des Körpers zu verbessern und disziplinieren dabei unsere körperliche Natur.

Obwohl wir also vieles in unser heutiges Leben eingebaut haben, was zur damaligen Zeit nur wenigen geistig fortgeschrittenen Menschen vorbehalten war, befinden wir uns trotzdem in einem spirituellen Dilemma, das viele von uns hindert, unser innerstes Selbst bewusst wahrzunehmen. Während der Mystiker des Mittelalters in Gefühlen der Hingabe an sein Ideal so tief versunken war, dass er allein durch die Kraft seiner sehnsüchtigen Hingabe ein überwältigendes Aufblitzen einer inneren emotionalen Realität in sich auslöste, die er sich nicht erklären konnte und die in den verschiedenen Erleuchtungserlebnissen der Geschichte dokumentiert sind, haben wir in der heutigen Zeit einen Punkt erreicht, an dem wir selbst sichtbare Ereignisse ohne rationale Erklärung nicht akzeptieren wollen und vielfach nicht mehr in der Lage sind, in die lebendigen Gefühlswelten der frühen Mystiker einzutauchen.

Da unsere moderne Welt immer tiefer in den von Denken dominierten Materialismus eintaucht, verlieren wir zunehmend den natürlichen Kontakt zu unseren Gefühlen. Viele der heutigen Themen, die das Betätigungsfeld der Psychologie bilden, haben ihre Ursache im Verdrängen oder im Versuch des erzwungenen Regulierens einer oft als hinderlich betrachteten Gefühlswelt. Dabei vergessen wir leicht, dass Gefühle den überwiegenden Treibstoff für menschliches Handeln darstellen und unsere rationale Welt viel stärker von Gefühlen angetrieben wird als viele denken.

Damit soll nicht der Eindruck entstehen, dass das Denken einer spirituellen Entwicklung im Wege steht. Ganz im Gegenteil, es stellt eine wichtige Voraussetzung dar und ermöglicht viel weitreichenderen seelischen Kontakt als durch emotionale Hingabe des Mystikers allein möglich ist. Wir sollten dabei aber nicht vergessen, dass wir weit mehr sind als nur unsere Gedanken. Wir alle kennen Descartes‘ bekannten Ausspruch „Ich denke, also bin ich“. Das klingt sehr einseitig und dieses Zitat trägt sehr dazu bei, den Menschen als reinen gefühllosen Denker zu idealisieren. Man muss aber begreifen, dass Descartes als der Begründer des frühneuzeitlichen Rationalismus dem Wissenschaftsideal der 17. Jhds verpflichtet war, in welchem qualitative Eigenschaften der Natur konsequent ausgeschaltet wurden, um systematische Erkenntnisse über sie zu gewinnen. Dieser Zeitgeist war eine rationale Gegenbewegung zu früheren Epochen. Neben den Problemen, die durch diese mentale Überbetonung verursacht werden, konnten dadurch aber auch viele Probleme, die ihren Ursprung in angstgetriebenen Aberglaube und Unwissenheit hatten, beseitigt werden.

Heute haben wir allerdings einen Punkt erreicht, an dem viele Menschen durch die fortschreitende Technisierung eine zunehmende emotionale Kälte- und Oberflächlichkeit fühlen. Industrie 4.0, Smart Homes, Smart Phones bis hin zu Forschung an Cyber-/Neuro-Implantaten zur Beseitigung menschlich mentaler und körperlicher Schwachpunkte sind Gesprächsthemen, welche die Richtung illustrieren, in die wir uns im Moment bewegen. Trotz des Wohlstands und vieler Annehmlichkeiten fühlt sich dieser Zeitgeist weder besonders menschlich, noch in irgendeiner Weise spirituell an. Im Gegenteil, der Mensch erlebt sich oft als kleines Rädchen in einer immer intelligenteren und schwieriger zu begreifenden Maschine. Statt im persönlichen Kontakt mit Menschen interagieren wir zunehmend mit Maschinen. Im Bann der Verblendung eines Glaubens an materialistische Perfektion strebt der Mensch sogar oft selber danach, den Faktor Mensch – und damit am Ende sich selbst – ­als unberechenbare „emotionale“ Fehlerquelle durch Intelligenz in der Maschine zu ersetzen. Interessanterweise bringt uns diese digitale Vernetzung im Sinne von Kommunikation einander auch viel näher als jemals zuvor, aber die emotionale Komponente wird dabei häufig ausgeklammert; Emoticons bringen da nur wenig Abhilfe.

Vermutlich löst besonders dieses Thema der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung Ängste bzw. Emotionen aus, welche vielleicht durch eigene Erfahrungen mit diesem Thema motiviert sind. Das zeigt sehr gut, welchen Einfluss Emotionen auf unser Denken im Hinblick auf bestimmte Themen haben. Schnell geht dadurch ein neutrales Thema mit einem bewussten oder unbewussten Teil von uns in Resonanz und polarisiert uns, anstatt eine ausgewogene Position zwischen den Gegensätzen einzunehmen. Es wird dadurch schwierig, einen klaren konfliktfreien Standpunkt einzunehmen.

Damit finden wir uns im Außen mit ähnlichen emotional-mentalen Konflikt-Themen konfrontiert, die uns je nach Entwicklungsphase auch im inneren beschäftigen, wenn wir dem Ruf unseres innersten Selbst folgen.

Kann es überhaupt eine Lösung geben?

Je weiter wir uns auf eine spirituelle Reise in unser Innerstes begeben und unser Bewusstsein in bislang unbekannte Bereiche erweitern, desto empfindlicher reagieren wir auf feinste Regungen unserer Emotionen und Gedanken. Das ist einer der Gründe, weshalb in der Abgeschiedenheit leichter Fortschritte erzielt und innere Konflikte aufgelöst werden als eingebunden in den modernen Alltag, der uns emotional zusätzlich beansprucht. Wir werden allerdings nur dann heftig aus unserer Mitte gerissen, wenn wir einen Angriffspunkt in uns aufweisen, der mit dem äußeren Geschehen in Resonanz tritt. Solche emotionalen Angriffspunkte werden von Samuel Sagan, der bereits in den 80ern die Beeinträchtigung des Meditationsprozesses durch emotionale Blockaden und verinnerlichte Konditionierung erkannte, als Samskara bzw. als emotionale Narbe oder Prägung bezeichnet. Solche Narben in unserem Emotionskörper entstehen durch negative Erlebnisse, die sich durch die Wucht der dabei wirkenden Emotionen einbrennen bzw. Narben hinterlassen. Es sind genau diese Narben, die uns oft schon lange nicht mehr bewusst sind, aber unsere Gedanken und Emotionen je nach äußerem Geschehen mehr oder weniger stark beeinflussen und uns damit aus unserer Mitte bringen. Ebenso wie der physische Körper einer Überbelastung mit Muskelaufbau bzw. Verstärkung begegnet, um sich vor einer weiteren Überbelastung zu schützen, beginnt sich auch der Emotionskörper zu schützen, indem er intelligente Verhaltensmuster entwickelt, die in ähnlichen Situationen ausgelöst werden, um eine erneute emotionale Überlastung zu vermeiden. Häufig wird dabei auch von Sub-Persönlichkeiten oder Persönlichkeitsanteilen gesprochen, die mit diesen Verletzungen in Kontakt stehen und uns vor weiteren Verletzungen schützen wollen.

Je weiter die spirituelle Entwicklung voranschreitet, desto feinfühliger unser Gewahrsein und desto stärker die zeitweisen Auswirkungen unserer tiefsten emotionalen Prägungen, da sich der nun feinfühligere Emotionskörper noch besser gegen Verletzungen absichern will. Allerdings ermöglicht ein feineres emotionales Unterscheidungsvermögen bei entsprechender Anleitung und Führung auch die Entschärfung der dadurch vermehrt freigelegten emotionalen Auslösemechanismen.

Emotionale Feinfühligkeit bei gleichzeitiger Robustheit klingt nach einem Widerspruch, ist es aber nicht. Dazu ist es nötig zu verstehen, dass die eigentliche emotionale Narbe in den meisten Fällen nur eine äußerst schwache Reaktion auf äußere Einflüsse oder Gedanken hervorruft, die wir in vielen Fällen nicht einmal bewusst wahrnehmen können. Diese schwache Reaktion löst aber durch automatisch ablaufende Verhaltensmuster bzw. Persönlichkeitsanteile rasch eine Lawine von Gedanken und damit verbundene Emotionen aus, die eine enorme Verstärkung der emotionalen Reaktion und ein Aufschaukeln bewirken. Das verleitet uns dann schnell zu impulsivem und unüberlegtem Handeln, über das wir mental wenig bis gar keine Kontrolle zu haben scheinen. Mit voranschreitender spiritueller Entwicklung müssen daher die feinen Verkettungen zwischen lange vergessenen traumatischen Erlebnissen und den stark spürbaren emotionalen Verhaltensmustern, die unsere emotional-mentale Stabilität belasten, wieder ins Wachbewusstsein zurückgerufen werden. Bereits die Tatsache, dass man selbst vollbewusst den inneren Auslösemechanismus erkennt, der zu übertriebenen oder fehlgeleiteten Reaktionen führt, trägt bereits einen Großteil dazu bei, den inneren Auslöser wirksam zu neutralisieren. Es reicht jedoch nicht, diesen inneren Auslösemechanismus rational zu begreifen, sondern man muss auch selber im vollen emotionalen Gewahrsein – ohne Widerstand und in völliger Erwartung – fühlen wie er abläuft. Genau das ist das Schwierige dabei, denn viele Menschen, besonders Männer, haben einen Großteil ihres Lebens daran gearbeitet, Nichts zu fühlen, um im Gerangel unserer Leistungsgesellschaft zu bestehen.

Das Erkennen und Auflösen eigener emotionaler Themen ist daher ein wesentlicher Prozess, der die gesamte spirituelle Entwicklung begleitet und die eigene Psyche emotional festigt. Wie Sagan andeutet, sollte man nicht dem Irrtum verfallen als Mensch jemals völlig frei davon zu sein, egal ob erleuchtet oder nicht.

Es sollte damit klar sein, dass das Ziel einer ausgewogenen spirituellen Entwicklung nicht nur die bloße Erweiterung des Bewusstseins in immer höher und feiner schwingende Bewusstseinsbereiche einschließt, sondern von einer Klärung des Emotionskörpers begleitet werden muss, besonders von emotionalen Altlasten. Je klarer und aufgeräumter der Emotionskörper, desto weniger Widerstand bietet er dem innersten Selbst, ihn als verzerrungsfreien Spiegel für seelische Empfindungen zu benutzen, die wir dann als Mitteilungen unseres Herzens im eigenen Körper immer deutlicher wahrnehmen können.

Wenn wir es aber vernachlässigen, uns unseren emotionalen Themen zu stellen, entwickeln wir unweigerlich ein unausgeglichenes vergeistigtes Bewusstsein auf sehr wackeligen emotionalen Fundamenten. Schließlich wundern wir uns, dass wir trotz perfekt praktizierter Meditations-Technik und Fortschritten immer wieder gelegentliche emotionale Erdbeben in uns auslösen, die uns brutal und unbarmherzig aus spirituellen Höhen und sogar aus echten Selbsterfahrungen in jene Tiefen unserer emotionalen Vergangenheit zurückschleudern, in denen wir so manchen Schauplatz fluchtartig und verwahrlost hinter uns gelassen haben.

Die Zeit ist daher reif, für einen neuen Ansatz der spirituellen Selbstverwirklichung. Eine Selbstverwirklichung, die sich nicht allein darin verliert, der Dualität durch Flucht vor ungeliebten eigenen Gedanken und Emotionen in eine persönliche Scheinwelt zu entkommen, sondern einer Spiritualität, die den Menschen als ganzheitliches emotional-mentales Wesen betrachtet. Einem Wesen, das Gefühle, Gedanken und Geist in harmonischer Weise vereint und seiner Umwelt in vollem Gewahrsein seiner selbst durch mitfühlendes und weises Handeln begegnet.

Ein solcher Weg hilft nicht nur uns selbst, uns seelisch zu verwirklichen, sondern wir beeinflussen damit auch unsere Umgebung und tragen auf diese Weise wirksam dazu bei, emotionalen und seelischen Stress bei all jenen zu reduzieren mit denen wir täglich in Kontakt kommen.

CoReOn

CoReOn ist als spiritueller Weg für Menschen gedacht, die im Laufe ihrer natürlichen Entwicklung für sich selbst erkannt haben, dass sie im bunten Treiben unserer modernen Welt keinen wirklichen Halt und keine bleibende Erfüllung mehr finden und eine spirituelle Entwicklung anstreben, die auch ihre Emotionen beinhaltet bzw. wo sie sein dürfen. Damit sind keineswegs Menschen gemeint, die sich frustriert durch ihr Leben quälen und nach einem möglichst bequemen und schnellen Ausweg suchen, der Glück und Seeligkeit verspricht. Ganz im Gegenteil, denn oft finden solche einschneidenden persönlichen Transformationen – manchmal begleitet von schicksalhaften Ereignissen – gerade bei jenen Menschen statt, die nach allgemeinen Maßstäben ein eher erfolgreiches Leben führen. Plötzlich verlieren die persönlichen Lebensziele ihre bisherige Anziehungskraft und werden immer öfter hinterfragt. Es findet eine Art Aufwachen statt, meist in den 40ern, und man empfindet die Bedeutungslosigkeit, mit der man rein persönlichen Zielen hinterherjagte und sich im Wettbewerb mit anderen gerne treiben ließ.

Diese Phase löst oft eine Krise aus, die gern als Midlife-Crisis abgehakt wird und doch handelt es sich in vielen Fällen um einen Weckruf unseres innersten Selbst, um uns darauf hinweisen, dass es Zeit geworden ist – Zeit für eine Neuorientierung des eigenen Lebens. Obwohl gerade in der heutigen Zeit ein kaum zu übertreffendes Angebot an spiritueller Literatur, Kursen zur spirituellen Selbstverwirklichung sowie psychologischer Begleitung zur Verfügung steht, ist es dennoch schwierig, diese Lebensphase als Chance für die eigene persönliche und seelische Selbsterfahrung auf einem spirituellen Weg wahrzunehmen.

Einerseits befindet man sich in einer Gesellschaft, die immer noch sehr durch Konkurrenzdenken geprägt ist, andererseits lehnt sich ein eigener innerer Teil dagegen zunehmend auf und sehnt sich nach gemeinschaftlichem harmonischem Handeln. Das führt letztlich zu inneren Spannungen und Konflikten.

Der Weg des CoReOn als spiritueller Entwicklungspfad zur Selbstverwirklichung stellt einen holistischen Entwicklungsprozess in mehreren Stufen dar. Die Anfangsstufen beschäftigen sich konkret mit dem Erkennen und Auflösen emotional-mentaler Themen, um für die reife und bereits gut integrierte Persönlichkeit ein noch stärkeres und belastbareres Fundament zu schaffen, das die weitere spirituelle Entwicklung trotz zunehmenden „Feingefühls“ sicher trägt.

Im Gegensatz zu Methoden, die sich vorwiegend der Gedankenbeherrschung und Konzentration widmen, nimmt bei CoReOn die Fähigkeit zur Verarbeitung und Auflösung emotionaler Themen über den gesamten Entwicklungsweg eine zentrale Rolle ein. Dadurch stellt sich mit der Zeit eine immer deutlichere emotionale Entspannung und Gelassenheit mit begleitender Beruhigung der Gedanken ein. Dieser Prozess erleichtert und unterstützt dadurch auch die mentale Konzentration und führt zusammen mit begleitenden Meditationen und Energiearbeit zu immer tieferen ganzheitlichen Selbsterfahrungen.

Die Auswirkungen davon sind ein zunehmend entspanntes und tiefgreifendes Gewahrsein sowie eine Verstärkung der Intuition, sodass wir fähig werden, die Themen des Lebens aus höheren Perspektiven wahrzunehmen. Da wir auf diesem Weg innere Spannungen schon frühzeitig an der Wurzel erkennen und auflösen und wir dadurch zu einer gelasseneren Persönlichkeit reifen, bleibt dieses innere Gewahrsein auch im täglichen Leben trotz der vielen auf uns einwirkenden Ereignisse zunehmend erhalten.

Mit diesem Ansatz bietet CoReOn einen Weg bis hin zur geistigen Erleuchtungserfahrung auf Basis einer alltagstauglichen stabilen Psyche.

 

Om Mani Padme Hum ?

 

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Es wird darauf hingewiesen, dass dieser Blog nicht zur Diagnose und Behandlung medizinischer und psychischer Erkrankung gedacht ist. Bei einer entsprechenden Indikation wird an die Eigenverantwortung der LeserInnen appelliert, einen fachkundigen und entsprechend ausgebildeten Mediziner, Psychotherapeuten oder Heilpraktiker aufzusuchen.

Es gibt keine Selbstverwirklichung ohne Dualität

Es gibt keine Selbstverwirklichung ohne Dualität

Jeder, der sich auf einen spirituellen Weg hin zur Selbstverwirklichung begibt, wird irgendwann der Doktrin der Nicht-Dualität oder Non-Dualität oder Non-Duality begegnen bzw. ihrem Einfluß innerhalb der spirituellen Szene nicht entkommen können. Die Philosophie der Nicht-Dualität oder Non-Dualität bleibt der primäre Einfluss in allen großen spirituellen Traditionen, die Selbstverwirklichung und Erleuchtung anstreben, denn nicht nur Advaita, sondern alle buddhistischen Schulen basieren auf diesem Konzept. Die meisten ernsthaft an Spiritualität interessierten Suchenden können sich also diesem Teaching nicht entziehen, nachdem die gesamte neo-advaitische Satsang-Kultur, die im kollektiven spirituellen Geist Wurzeln geschlagen hat, eine starke Kommerzialisierung eben dieses nicht-dualen Konzepts betreibt.

Nicht-Dualität (indisch: Advaita) bedeutet die Einsicht, daß kein Gegenstand ohne (s)einen Beobachter existieren kann, daß also Subjekt und Objekt stets ein zueinander komplementäres Paar darstellen. Das Selbst als individuelle oder separate Wesenheit ist ein Ding der Unmöglichkeit, weil es dann wieder ein zu beobachtender Gegenstand und damit ein Objekt wäre.

Laut Advaita ist ausschließlich diese Erscheinungs-Welt dual. So etwas wie ein Selbst gäbe es nur im Zusammenhang mit einer Erscheinung – nämlich als den Zeugen dieser Erscheinung. Sobald die Erscheinung sich auflöst, müsste sich auch der Zeuge auflösen. Die eigentliche Natur der Realität sei aber Nicht-Dual, was bedeutet, dass es dort keine Unterschiede und keine Individualität (Persönlichkeit) gibt. Mit Persönlichkeit ist hier nicht das Ego-Ich gemeint, sondern die innere, individuelle Subjektivität. Laut Advaita gibt es nur das Prinzip der Existenz, das in sich nicht strukturiert ist, also keine definierten Eigenschaften haben kann.

Die Lehre der Nicht-Dualität enthält einen wahren Kern, denn es gibt tatsächlich das Prinzip der Existenz – den unpersönlichen Anteil in der Quelle – der bei der blitzartigen Erfahrung der Leere erlebt werden kann. Viele nennen das eine “Erleuchtung” – in Wirklichkeit ist es aber nur eine Öffnung der inneren Tür, die zum Eintreten auffordert. Diesen Teil der Realität jedoch als die gesamte Realität anzusehen ist schlicht und einfach naiv, denn alleine schon die Behauptung, dass es keine Dualität gäbe, setzt Dualität voraus.

Es gibt auch keine einzige gemeinsame Version/Form von Nicht-Dualität. Das Konzept variiert von einer Tradition zur anderen und von extremen Ansichten zu moderateren. Zum Beispiel gibt es im Buddhismus die Idee von zwei Wahrheiten: eine höhere und eine niedrigere Wahrheit. Die niedrigere Wahrheit akzeptiert eine bestimmte Ebene der Dualität auf einer täglichen, praktischen Ebene, während die höhere Wahrheit als die Abwesenheit von Selbst oder Leere beschrieben werden kann. In Advaita gibt es auch verschiedene konzeptuelle Ansätze, wie zum Beispiel denjenigen, der die Existenz des persönlichen Gottes, Ishvara als Aspekt des einen Selbst, Brahman, akzeptiert. Es ist wichtig zu bedenken, dass Advaita durch den Austausch von Ideen zwischen hinduistischen und buddhistischen Gelehrten, die zu der Zeit für spirituelle und politische Vorherrschaft in Indien kämpften, stark vom Buddhismus beeinflusst war. Darüber hinaus schuf Buddha selbst einen Pfad und eine Philosophie, die zutiefst von den nicht-dualen Konzepten konditioniert waren, die bereits im alten Hinduismus existierten.

Was stimmt also nicht mit der non-dualen Philosophie?

An der Oberfläche erscheint sie sehr überzeugend, vor allem für diejenigen Menschen, welche glauben, sich nicht wirklich mit ihrer Psyche beschäftigen zu müssen und Spiritualität mit Psychotherapie verwechseln. Alle Versuche zu vorzeitiger Transzendenz – Zuflucht im unpersönlichen Absoluten zu suchen, um zu vermeiden, mit der eigenen psychischen Dynamik, den persönlichen Themen und Gefühlen oder der eigenen Berufung umzugehen – führen zu innerer Verleugnung und dies kann monströse Schattenelemente erzeugen. Spirituelle Umgehung beruft sich oft auf eine rationale Begründung, die darauf beruht, dass absolute Wahrheit benutzt wird, um relative Wahrheit zu leugnen oder zu entwerten.

Wir müssen uns auch der traurigen Tatsache stellen, dass sich die Menschheit auf vielen Ebenen seit den Zeiten der Upanishaden und Buddhas weiter entwickelt hat, aber die Wissenschaft der Erleuchtung hat sich kaum weiterentwickelt. Wir leben immer noch in den dunklen Zeiten der Spiritualität in dem Sinne, dass fast alle spirituellen Lehren auf der ständigen Wiederholung dessen basieren, was vor Tausenden von Jahren entdeckt und gelehrt wurde. Dieser Perspektive fehlt jedoch ein seit langem dringend notwendiger “Update” und die Erkenntnis, dass östliche Weisheitslehren und Lehrer nicht immer für ein westliches Leben geeignet sind, da sie eine total unterschiedliche Ausgangsbasis haben.

Spirituelle Lehrer erinnern uns of daran, dass wir liebevoll und mitfühlend sein oder Selbstbezogenheit und Aggression aufgeben sollten, aber wie können wir das tun, wenn unsere gewohnten Tendenzen aus einem ganzen System von psychologischer Dynamik entstehen, das wir nie klar gesehen oder direkt angeschaut, geschweige denn durchgearbeitet haben? Menschen müssen ihre Wut oft fühlen, anerkennen und bewältigen, bevor sie zu einem echten Vergeben oder Mitgefühl gelangen können. Das ist relative Wahrheit.

Eine absolute Wahrheit ist es, dass zumindest in unserem Universum alles immer paarweise auftritt und dass es niemals einen reinen, nicht-dualen Zustand geben kann, den “jemand” erlebt, denn dann ist dieser Jemand bereits ein Ausdruck von Dualität. Advaita ist nichts anderes, als eine grob vereinfachte, intellektuelle Vorstellung der Natur der Realität. Der Verstand der Advaita-Urheber reichte damals nicht aus, um die Natur der Realität wirklich zu verstehen – es ging über die normale Verstandeskapazität hinaus. Daher vereinfachten sie und stellten ein Erleuchtungs-Modell auf, das ausschließlich auf der Erfahrung der Leere basiert.

Ich weiß, dass es schon immer eine Unstimmigkeit zwischen der buddhistischen Vorstellung von keinem Selbst und hinduistischen Behauptungen eines essentiellen Atman gab. Auch der große Sri Aurobindo sagte er habe Nirvana erlangt, aber dann erlebte er Zustände des Bewusstseins als darüber hinausgehend, Zugang zum Supermind, das ein höheres Selbst ist, das in die materielle Welt gebracht werden soll, um nicht nur das Individuum, sondern schlußendlich die ganze Menschheit zu verwandeln.

Wir hören so oft von einem globalen Erwachen oder einem neuen Zeitalter der Spiritualität, aber wer erwacht zu was?

Noch sehr viele Menschen sind sich ihrer wahren Natur so unbewusst wie sie es immer waren. Die Globalisierung des spirituellen Marktplatzes sollte nicht mit globalem Erwachen verwechselt werden. In Wahrheit wird Spiritualität immer oberflächlicher und die spirituellen Lehrer, die den unbewussten Massen billige und absurde Versionen der Erleuchtung verkaufen, werden immer effektiver. Manche Menschen mögen sich zu einem bestimmten Grad psychologisch etwas weiter entwickelt haben, aber geistig/spirituell sind viele stagniert, wenn nicht sogar zurückentwickelt, egal wie viele Satsangs, Yoga Kurse und Workshops besucht werden. Um in unserer Kultur zu leben, braucht man keinen Kontakt zu seiner Seele – nicht einmal zu der eines anderen. So seltsam das auch sein mag: Ein Leben ohne Seelenverbindung ist völlig normal! Millionen leben so, einschließlich gut angepasster Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und auf allen Stufen der wirtschaftlichen und sozialen Leiter. Zu ihnen gehören auch höchst erfolg- und einflussreiche Führungspersönlichkeiten, Organisationen und Nationen. Viele von ihnen haben wahrscheinlich niemals erlebt, wie es ist, Kontakt zur eigenen Seele zu haben. Auch das ist leider normal. Und gleichzeitig existiert der intensive spirituelle Hunger von so vielen in unserer Zeit. Diese “Hungrigen” wandern neugierig am langen Spirit-Buffet entlang, kosten hier und da und werden früher oder später in den Sog der Non-Duality Geisteswahrnehmung gezogen. Und am Anfang hört sich vieles davon recht beeindruckend an.

Auch ich habe mich lange mit der Non-Dualen Satsang-Kultur gerumgeplagt, angefangen von Gangaji und Tibetischen Buddhismus bis hin zu John de Ruiter, mit dem ich mich doch einige Zeit beschäftigte. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich da “durch” war und es hat mir viel Herzschmerz beschert, denn vieles davon ist so nahe der Wahrheit und doch fehlte immer etwas, ich wusste nur nicht was. Mit John de Ruiter hatte ich zum ersten Mal wirkliche tiefe innere Stille erfahren und das war “zellerschütternd” damals. Aber das Gefühl, dass ich mich irgendwie im Kreis drehe und doch nirgendwo ankomme, wurde immer stärker und letztendlich richtiggehend lähmend. Als ob ich in der ganzen Stille und Leere selber verschwinden würde. Ich wurde jeden Tag “weniger”, nicht mehr. Es war eine andere Form von Seelenverlust, denn “Sie” (die Seele) zog sich damals fast ganz zurück. Ich erlebte das Paradox dass, je “spiritueller und erleuchteter” ich wurde, desto mehr Seelenverlust erlitt ich. Erst als ich mir erlaubte, ganz aus dem mentalen Schwingungsfeld der Non-Dualen Welt herauszutreten, kam ich endlich wieder zu mir – in mir an – und Sri Aurobindo und Die Mutter betraten zu der Zeit meinen spirituellen Raum. Sie hinterließen tiefe und wichtige Spuren und Samen in meinem Bewusstsein – allen voran die Erkenntnis, dass es in der modernen Spiritualität um eine Abwärtsbewegung, um die volle Inkarnation der Seele im Menschsein geht, und nicht nur um Transzendenz und Tschüß in den Samadhi. Die knallharte Erkenntnis, dass meine Seele aber null Absicht hat endlos in irgendwelchen “Leeren” zu schweben, sondern voll an ihrem Menschsein interessiert ist, war eiskaltes Wasser über meinen spirituellen Aspirationen und ein ziemlich abruptes Erwachen.

Unsere Realität in dieser Welt erfordert immer Gleichgewicht – das Dasein ist deshalb ein Spiel der Polaritäten.

Ich frage mich öfters, ob die Erfahrung der Selbstverwirklichung oder des Erwachens sich auf natürliche Weise in ein nicht-duales Verständnis hin-entwickelt. Oder ist es umgekehrt – dass ein nicht-dualer Wirklichkeitsbegriff das Wesen und die Erfahrung der Selbstverwirklichung einschränkt? Letzteres weist auf die Rolle unserer Intelligenz bei der Interpretation eines erwachten Zustandes hin. Hier ist das erste, was zu erkennen ist, dass es äußerst schwierig ist, jede erwachende Erfahrung im Verstand richtig zu verstehen und zu reflektieren. Die innere Welt ist der menschlichen Intelligenz oft völlig unbekannt und unverständlich, wenn der Verstand nur im Bereich der Objekte zu funktionieren und sich zu orientieren weiß. Daher haben die meisten von denen, die den spirituellen Weg gehen, sehr wenig Fähigkeit zu verstehen, was sie erfahren, wenn sie in der Meditation in bestimmte Zustände wechseln. Was sie als eine Erfahrung von Einheit oder Nicht-Dualität interpretieren, kann leicht ein tranceartiger Zustand des Geistes sein, der die Natur des veränderten Bewusstseins nicht richtig erfassen kann. Da die meisten Menschen nicht in der Lage sind zu verstehen, was sie erfahren, interpretieren sie ihre Erfahrungen durch die Konzepte ihrer jeweiligen (spirituellen) Traditionen. Und weil die Wissenschaft der Erleuchtung ursprünglich von einer nicht-dualen Philosophie ausging, ist die Nicht-Dualität zum Paradigma für all diejenigen geworden, die nicht fähig sind, ihre Grundannahmen in Frage zu stellen.

Viele Suchende sind wie blind und versuchen sich in einer Landschaft zu orientieren, die jenseits ihrer Fähigkeit ist, richtig zu sehen und zu verstehen und deshalb werden die meisten Erweckungs-erfahrungen als eine Form der Nicht-Dualität interpretiert. Dieser Mangel an Orientierung in der inneren Welt führt natürlich dazu, die einfache Lösung zu suchen und das Althergebrachte immer wieder neu aufzuwärmen, auch wenn es hinten und vorne nicht mehr richtig zu einem passt. Was nützt mir all das Gerede von Nicht-Sein, Alles ist nur eine Illusion, Ich bin schon perfekt in meinem Sein usw? Das Selbst wird immer verwirrter, je mehr es durch die Nicht-Dualität-Brille interpretiert wird, und so geht die erschöpfende EndlosSuche nach Selbsterkenntnis und Erleuchtung immer weiter und nach vielen Irrungen und Verwirrungen auf dem Weg geben die meisten einfach erschöpft, desillusioniert und zutiefst enttäuscht auf. Gar manche landen dann wieder mit den klassischen, christlichen Lehren, die aber in dieser Runde noch viel fundamentalistischer angehaucht sind. Da ist dann viel Gerede vom Teufel, Sünde und “Raus aus der Esoterik” und das inzwischen riesige Angebot auf dem Verschwörungs-Markt fällt auf dankbare Abnehmer und fruchtbaren Boden. Angst steigt diametral zur Enttäuschung – es ist immer noch keine Lösung für all die Probleme der Menschen in Sicht. Keine einfache Situation, die da vorherrscht.

Die non-duale Philosophie ist als eine Absage an den Zustand der Trennung entstanden und man hat versucht, eine relativ simple Lösung zu finden. Dualität wurde schnell für alle Dramen und Probleme dieser Welt verantwortlich gemacht; es wurde als DAS zu überwindende Problem definiert, aber dies ist eine falsche Annahme, die auf einer falschen Prämisse beruht, die in Selbstverleugnung wurzelt. Diejenigen, die es künstlich vereinfachen, haben sich selbst nicht erkannt und täuschen andere. Darüber hinaus ist es nicht das Ende unserer spirituellen Entwicklung, sondern der wahre Anfang, zu erkennen, wer wir sind. An der “Nicht-Dualität” festzuhalten oder “Ego-los” zu sein, hält uns auf dem Berg fest. So zu tun, als hätten wir keine Wünsche, so zu tun, als würden wir keinen Schmerz oder Verlust empfinden, so tun, als ob wir nicht von einem inneren Impuls getrieben würden, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln, ist eine müde alte Lüge.

Manche Menschen, die meine Hilfe bzw. Begleitung suchen, haben viele Jahre lang spirituelle Übungen gemacht. Sie leiden nicht unter traditionellen klinischen Syndromen (denn dann müsste ich sie zu einem Therapeuten schicken), sondern unter einem Stillstand in ihrem Leben, den sie mit ihrer spirituellen Praxis nicht durchdringen und lösen konnten: sie können keine dauerhafte Beziehung aufrechterhalten, keine wirkliche Freude empfinden, nicht produktiv oder kreativ arbeiten, sich selbst nicht mit Mitgefühl behandeln und nicht verstehen, warum sie bestimmte Verhaltensweisen immer noch nicht aufgegeben haben.

Die gewaltige Diskrepanz zwischen der Differenziertheit ihrer spirituellen Praxis und der Ebene ihrer persönlichen Entwicklung macht mich fassungslos. Manche von ihnen haben Jahre mit esoterischen Praktiken zugebracht, die einmal als die fortschrittlichsten galten, ohne die rudimentärsten Formen der Selbstliebe oder zwischenmenschlicher Sensibilität zu entwickeln. Oft wurde nur eine innere Unzufriedenheit verstärkt, die sie antrieb, hohe spirituelle Ideale zu verfolgen, ohne eine Spur von Freundlichkeit sich selbst und ihren Grenzen gegenüber zu empfinden.

Es gibt keine Selbstverwirklichung ohne Dualität, denn Erleuchtung löst die Dualität nicht auf.

Im Gegenteil, es erleuchtet das Bewusstsein der Dualität, so dass wir zum ersten Mal sehen können, was wirklich dual ist und auf was sich die Dualität bezieht. Dualität ist die Realität auf unserem Planeten und der aktive Geist der Schöpfung, die kostbare Kraft, durch die alles und jedes existieren kann. Nicht-Dualität ist das passive Prinzip der Existenz.

In allen Traditionen der Selbstverwirklichung fehlt das wichtigste Element und das Verständnis darüber, wer wir wirklich sind. Selbsterforschung auf dem Weg von Advaita oder Buddhismus führt uns zu den falschen Schlussfolgerungen: Es beginnt mit dem Vorurteil, dass unser einzigartiges Selbstempfinden unwirklich ist und nur das Universelle real ist.

“Wir haben die Göttlichkeit der Materie negiert und sie allein auf unsere heiligen Stätten verbannt, und dafür rächt sie sich jetzt – wir nannten sie grob und ungehobelt, und das ist sie auch. Solange wir dieses Ungleichgewicht tolerieren, gibt es keine Hoffnung für die Erde. Wir schwingen von einem Pol zum anderen genauso falschen, von materiellem Genuß zur spirituellen Entsagung, ohne jemals die wahre Erfüllung zu finden. Wir brauchen sowohl die Robustheit der Materie als auch die frischen Wasser des Geistes. Doch nun mag die Zeit gekommen sein, die Mysterien zu entschleiern, seien sie vedisch, orphisch, alchemistisch oder katharisch, und die vollkommene Wahrheit der beiden Pole zurückzuerobern innerhalb einer dritten Position, die weder die des Materialisten noch jene des Spiritualisten ist.”

Satprem – Sri Aurobindo oder das Abenteuer des Bewusstseins

Niemand hat die Frage “Wer bin ich?” aus der Advaita Szene richtig beantwortet, denn sie stecken immer noch in der Vergangenheit fest. Zu Beginn unseres Erwachens können wir diese Frage überhaupt nicht beantworten, nicht nur weil die bewusste Verbindung mit der Seele unterbrochen und unser Höheres Selbst abwesend ist, sondern auch, weil unser Strategisches Selbst (Egopersönlichkeit) vollständig fragmentiert ist. Wenn ein reifer Suchender mit einer grundlegenden psychischen und geistigen Stabilität diese Frage mit absoluter Ehrlichkeit verfolgen würde, jemand, der bewusst genug wäre, um zu wissen, wo er suchen sollte, aber dessen Seele noch schlummert, würde er als seine Antwort das grundlegende Bewusstsein von „Ich” entdecken. Ich ist unser angeborenes Selbstgefühl, in dem alle unsere Gedanken und Wahrnehmungen enthalten sind. Alle Lebewesen besitzen den Sinn für Ich, sonst wüssten sie nicht, dass sie existieren. Wenn die Inneren Anteile, die unser ICH ausmachen, genügend erforscht und integriert worden sind und so ein Bewusstes Selbst entwickelt werden kann, bekommen wir ein Wissen von „mir selbst” an sich.

Für die tiefere Antwort auf die Frage “Wer bin ich?” müssen wir zu etwas erwachen, das wir noch nicht sind; wir müssen zu unserem Potenzial erwachen. Das Licht von ICH muss in unsere Existenz eintreten und sich in das Bewusstsein von mir integrieren, damit das Bewusstsein unserer Seele erwachen kann. Wenn die Seele nicht erfühlt, nicht erkannt wird, kann man diesen Zustand sehr leicht als unpersönlich, als universelles Bewusstsein missverstehen und vergessen, wer man ist. Diese Art der Identifikation mit dem Unpersönlichen ist eine der größten Gefahren auf dem spirituellen Weg, da sie die Verwirklichung unserer göttlichen Individualität gefährdet.

Die Seele sollte nicht mit irgendeiner Art von Strategischem Selbst verwechselt werden. Sie ist unser höheres Wesen, welches erst in unseren physischen Körper kommen muss, sonst bleibt sie nicht existent. Die Seele, wenn sie erwacht ist, umarmt unsere menschliche Natur und lässt den Menschen in uns ganz werden, um Reinigung und Heilung zu erreichen und unsere wesentlichen menschlichen Wünsche zu erfüllen. Die Seele ist das heilige Reich unserer innigsten Absichten, unserer einzigartigen Bedeutung und unseres letztendlichen Lebenssinns. Die Seele ist der Schlüssel zu unseren zentralen Lektionen – und zu unseren Gaben, die wir und nur wir alleine einbringen können.

Die Verwirklichung unserer reinen Natur ist ein komplexer Prozess.

Spirituelle Sucher, die versuchen, unemotionaler, selbstloser oder mitfühlender zu sein, als sie in Wirklichkeit sind, hassen sich oft im Geheimen dafür, wie sie ihre hohen Ideale verfehlen. Das gibt ihrer Spiritualität etwas Kaltes und Feindliches. Indem sie Spiritualität auf eine Weise praktizieren, die die Diskrepanz zwischen der Wahrheit, wie wir sind, und wie wir meinen, sein zu müssen, vergrößert, wird das Gefühl von Selbsthass und innerer Unfreiheit und Zwang noch intensiver. Oft dient das Streben nach einem spirituellen Ideal nur dazu, das kritische Über-Ich zu stärken – die innere Stimme, die uns sagt, dass wir nie gut genug, nie aufrichtig genug, nie liebevoll genug sind. In einer Kultur, die von Schuld und Ehrgeiz durchdrungen ist, in der Menschen verzweifelt versuchen, sich über ihre unsicheren irdischen Fundamente zu erheben, übt das spirituelle Über-ich einen durchgehenden unbewussten Einfluss aus, der besondere Aufmerksamkeit und Arbeit verlangt. Dazu braucht man ein Verständnis von psychischer Dynamik, die traditionellen spirituellen Lehrern und Lehren oft fehlt.

Zu lange war das Absolute König. Zu lange haben wir versucht, Gedanken los zu werden, Emotionen zu überwinden, unsere Menschlichkeit loszulassen. Zu lange waren wir in eine körperlose, distanzierte und leidenschaftslose spirituelle Fantasie verstrickt, in der “nichts passiert” und “niemand etwas tut”. Lass dich nicht von Jahrtausenden der spirituellen Tradition mit diesem Nicht-Dualen Mythos zurückhalten. Selbst diejenigen, die spirituell erleuchtet sind, sind Menschen. Auch spirituelle Lehrer sind Menschen. ?

Jetzt ist die Zeit, wo wir uns unsere Verletzlichkeit eingestehen, die Tiefe unserer Gefühle zugeben und vor allem zugeben, dass wir uns manchmal verwirrt oder verängstigt oder gebrochen fühlen.
Jetzt ist die Zeit, dass wir den bittersüßen Geschmack des Lebens auf der Erde annehmen, unsere Zärtlichkeit und unsere Wildheit willkommen heißen.
Jetzt ist die Zeit, in der wir tanzen und weinen und auf unsere Knie fallen.

Bitte, versteht mich nicht falsch. Es geht nicht darum, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es geht darum, uns von spirituellen Vorstellungen, spirituellen Definitionen und spirituellen Rollen zu befreien.

Lasst das Absolute nicht zu eurem Gefängnis werden, in dem ihr nicht mehr atmen könnt. Wir sind viel größer, viel reicher und viel reifer.
Lasst uns die Fesseln der Spiritualität, Erleuchtung, Nicht-Dualität … und alles andere abschütteln, was die ganze Breite und Tiefe unserer Lebendigkeit erstickt.
Lasst uns dem, was hier ist, treu sein, ohne zu transzendieren, zu leugnen oder zu betäuben.

Lassen wir das Leben in jeden angstvollen, beschämenden, hässlichen Teil von uns eindringen und uns weit aufreißen, damit wir die Schönheit auch dorthin bringen können.
Lassen wir uns doch mit offenem Herzen auf die Trauer, Verzweiflung und das Entsetzen der Welt ein.
Lassen wir unsere Menschlichkeit in unsere Göttlichkeit und unsere Göttlichkeit in unsere Menschlichkeit fließen und lassen wir sie hin und her fließen wie die Gezeiten, die kommen und gehen.

Von Herz zu Herz ?
Renate

 

Om Mani Padme Hum ?

 

P.S. Auch Steven Black hat einen Artikel zu diesem Thema geschrieben: Das Nonduale Paradigma

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