Frauen kommen vor. Aber sind sie gemeint?

von | Sep. 2, 2026 | Orchard Letters | 0 Kommentare

Sichtbarkeit ist noch keine Macht. Doch die Entscheidung darüber, wer sichtbar wird und als wirtschaftlich relevant gilt, ist eine Ausübung von Macht.

Vor wenigen Tagen schrieb Katharina Wolff, Gründerin und Herausgeberin des STRIVE Magazine, über die Gründe, aus denen sie das Wirtschaftsmagazin vor sechs Jahren gegründet hatte.

Sie hatte sich selbst in den bestehenden Wirtschaftsmedien nicht wiedergefunden. Frauen kamen darin zwar vor, waren aber, wie sie schreibt, „selten wirklich gemeint“.

STRIVE sollte das ändern. Frauen in der Wirtschaft sichtbar machen. Ihre Perspektiven, ihre Leistungen und ihre Geschichten in einen Raum bringen, in dem wirtschaftliche Wirklichkeit verhandelt wird.

Heute beobachtet Katharina Wolff eine Entwicklung, die zeigt, wie wenig selbstverständlich diese Sichtbarkeit noch immer ist. Anzeigenkunden erzählen ihr, dass sie Kampagnen wieder lieber ausschließlich auf Männer ausrichten. Gleichzeitig wird Frauenhass sichtbarer, und Fortschritte, die bereits gesichert schienen, stehen erneut zur Diskussion.

Das ist mehr als eine unangenehme gesellschaftliche Stimmung.

Wenn Unternehmen ihre Kampagnen bevorzugt auf Männer ausrichten, werden Budgets verschoben. Reichweite wird verteilt. Eine Zielgruppe gilt als wirtschaftlich interessant, eine andere zunehmend weniger.

Natürlich muss nicht jede Kampagne Frauen und Männer gleichermaßen ansprechen. Zielgruppen unterscheiden sich. Produkte richten sich an verschiedene Menschen. Marketing arbeitet mit diesen Unterschieden.

Aufschlussreich wird es dort, wo Männer wieder zur vermeintlich sicheren wirtschaftlichen Norm werden und Frauen aus der Kalkulation verschwinden. Wo ihre Sichtbarkeit als verzichtbar gilt, sobald sich das gesellschaftliche Klima verändert.

Dann zeigt sich, dass Sichtbarkeit zwar gewährt wurde, die Macht über ihre Bedingungen jedoch anderswo geblieben ist.

Wer bestimmt, was relevant ist?

Frauen sind heute sichtbarer als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Sie führen Unternehmen, sitzen in Vorständen, gründen, investieren, forschen und gestalten politische wie wirtschaftliche Entscheidungen.

Bilder und Sprache haben sich verändert. Unternehmen zeigen Frauen in Geschäftsberichten, Kampagnen und auf ihren Karriereseiten. Konferenzen achten stärker auf die Besetzung ihrer Podien. Medien erzählen weibliche Erfolgsgeschichten.

Diese Entwicklung ist wichtig.

Menschen müssen sich in den Räumen wiederfinden können, die ihre Vorstellung davon prägen, wer führt, entscheidet und wirtschaftlich relevant ist. Sichtbarkeit erweitert das Bild dessen, was möglich erscheint.

Doch Sichtbarkeit beantwortet noch nicht die Machtfrage.

Eine Frau kann auf einer Bühne stehen, ohne das Thema bestimmt zu haben. Sie kann in einer Kampagne vorkommen, ohne als selbstverständliche Kundin gemeint zu sein. Sie kann eine hohe Position einnehmen, während die Kriterien dafür, was als professionell, durchsetzungsfähig und führungsstark gilt, unverändert bleiben.

Sie ist anwesend. Die Form, in der sie anwesend sein darf, wurde jedoch bereits festgelegt.

Female Empowerment hat Frauen den Zugang zu Bildung, wirtschaftlicher Unabhängigkeit, Einfluss und formalen Positionen geöffnet. Es hat Frauen darin bestärkt, sichtbarer zu werden, ihren Wert zu verhandeln und Plätze einzunehmen, die ihnen lange verschlossen waren.

Diese Arbeit bleibt wesentlich.

Aber der Zugang von Frauen zu einer bestehenden Ordnung verändert noch nicht automatisch das Verständnis von Macht, das diese Ordnung trägt.

Frauen können innerhalb eines Systems erfolgreich werden und trotzdem lernen, ihre Wahrnehmung, ihre Sprache und ihre Autorität an dessen Erwartungen anzupassen. Sie können die höchste Position erreichen und dort eine Form von Macht ausüben, die bereits vor ihnen definiert wurde.

Damit verändert sich, wer Macht besitzt.

Wie Macht verstanden und ausgeübt wird, kann dabei weitgehend gleich bleiben.

Genau an dieser Schwelle beginnt für mich die Frage nach weiblicher Macht.

Die Wirklichkeit nicht verlassen

Es wäre leicht, auf diese Entwicklung mit innerem Rückzug zu reagieren. Sichtbarkeit für oberflächlich zu erklären, wirtschaftliche Macht abzuwerten und darauf zu vertrauen, dass das Wesentliche ohnehin auf einer tieferen Ebene wirkt.

Doch während Frauen sich aus einer als kalt oder entseelt empfundenen Ordnung zurückziehen, entscheidet diese Ordnung weiter. Sie verteilt Budgets, Reichweite und wirtschaftliche Relevanz. Sie bestimmt, wer als Zielgruppe gilt, wessen Erfahrungen den Markt prägen und für wen Produkte, Medien und Technologien entwickelt werden.

Eine Ordnung verändert sich nicht dadurch, dass wir uns innerlich über sie erheben.

Weibliche Macht muss in Beziehung zur Wirklichkeit treten. Sie muss dort wirksam werden, wo Wert definiert, Geld verteilt und Relevanz hergestellt wird.

Das bedeutet nicht, dass Frauen die bestehende Form einfach besser beherrschen müssen. Noch selbstbewusster auftreten. Noch härter verhandeln. Noch geschickter um Einfluss kämpfen.

Es bedeutet auch nicht, eine moralisch überlegene weibliche Gegenwelt zu errichten.

Frauen führen nicht automatisch gerechter, bewusster oder verantwortungsvoller. Auch eine Frau kann Macht kontrollierend, destruktiv oder ausschließlich im eigenen Interesse ausüben. Das Geschlecht einer Person verändert die Qualität ihrer Machtausübung nicht von selbst.

Weibliche Macht ist keine freundlichere Variante der vertrauten Macht. Sie verlangt Klarheit, Durchsetzungskraft, Verantwortung und die Bereitschaft, Konsequenzen zu tragen.

Der Unterschied liegt darin, dass eine Frau den Zugang zu Macht nicht länger damit bezahlt, wesentliche Teile ihrer Wahrnehmung und ihrer eigenen Autorität zurückzulassen.

Was ich mit weiblicher Macht meine

Unser bisheriges Verständnis von Macht wurde über lange Zeit in Strukturen entwickelt, die überwiegend von Männern geschaffen und geführt wurden.

Darin galten bestimmte Formen der Durchsetzung als professionell. Distanz wurde mit Objektivität verbunden, Kontrolle mit Führung und Härte mit Entscheidungsfähigkeit. Beziehung, Intuition, verkörpertes Wissen und eine feine Wahrnehmung unausgesprochener Dynamiken erhielten weit weniger Autorität.

Frauen haben in diesen Strukturen längst Macht ausgeübt. Anerkannt wurde vor allem jener Teil ihrer Fähigkeiten, der sich in die vorhandene Form einfügen ließ.

Viele Frauen kennen deshalb die Erfahrung, zwischen ihrem Zugang zu Macht und der Verbindung mit sich selbst wählen zu müssen.

Wer in Beziehung bleibt, gilt schnell als nicht konsequent genug. Wer eine Dynamik wahrnimmt, bevor sie sich mit Fakten belegen lässt, riskiert, als zu emotional oder zu sensibel zu gelten. Wer eine Entscheidung in ihren Auswirkungen auf Menschen, Beziehungen und das Ganze betrachtet, muss beweisen, dass sie trotzdem wirtschaftlich denkt.

Also lernen Frauen, bestimmte Wahrnehmungen zurückzuhalten. Sie übersetzen ihre Klarheit in eine Sprache, die im System anerkannt wird. Sie begründen ausführlicher, sichern sich stärker ab und warten länger, bevor sie einer eigenen Einschätzung Autorität geben.

Sie werden professionell lesbar.

Und verlieren dabei den Zugang zu genau jenen Fähigkeiten, durch die sie Macht anders ausüben könnten.

Weibliche Macht beginnt dort, wo eine Frau diese Trennung nicht länger vollzieht.

Sie bringt Klarheit und Beziehung zusammen. Intuition und sorgfältige Prüfung. Durchsetzungskraft und die Wahrnehmung von Konsequenzen. Sie kann eine Grenze setzen, ohne sich dafür zu verhärten. Sie kann in Beziehung bleiben, ohne ihre Position aufzugeben. Sie kann entscheiden, obwohl sie den Preis ihrer Entscheidung deutlich spürt.

Ihre Macht entsteht nicht daraus, dass alle mit ihr einverstanden sind.

Sie entsteht daraus, dass sie ihrer Wahrnehmung nach sorgfältiger Prüfung Autorität gibt und bereit ist, aus ihr zu handeln.

Das war das Thema des letzten Orchard Letters: Klarheit allein verändert keine Ordnung. Erst wenn wir aus ihr eine Entscheidung formen, sie aussprechen und entsprechend handeln, wird aus innerem Wissen gelebte Autorität.

Für weibliche Macht gilt dasselbe auf einer größeren Ebene.

Sie bleibt unvollständig, solange sie nur eine persönliche innere Erfahrung ist. Sie muss in die Räume eintreten, in denen Entscheidungen getroffen, Mittel verteilt und Kriterien festgelegt werden.

Nicht nur vorkommen

Wenn Frauen wirklich gemeint sind, erscheinen sie nicht als ergänzende Zielgruppe, deren Sichtbarkeit je nach gesellschaftlicher Stimmung erweitert oder wieder reduziert werden kann.

Ihre Erfahrungen fließen in die Entscheidungen ein, bevor eine Kampagne entwickelt, ein Produkt entworfen oder ein Budget verteilt wird. Ihre Perspektive wird nicht nachträglich hinzugefügt. Sie ist an der Definition dessen beteiligt, was wirtschaftlich relevant ist.

Das verlangt mehr als Repräsentation.

Es verlangt Frauen, die ihre Position tatsächlich bewohnen. Die nicht nur das formale Mandat besitzen, sondern auch bereit sind, den damit verbundenen Handlungsspielraum auszufüllen.

Es verlangt ebenso Strukturen, die weibliche Wahrnehmung nicht erst dann anerkennen, wenn sie sich vollständig in die vertraute Sprache und Logik übersetzen lässt.

Weibliche Macht beginnt deshalb nicht mit der Forderung nach einer weiteren Einladung an einen bereits gedeckten Tisch.

Sie beginnt mit der Frage, wer entschieden hat, wie dieser Tisch aussieht, wer daran Platz nimmt, worüber gesprochen wird und was als wertvoll gilt.

Sichtbarkeit bleibt wichtig. Es braucht Räume, in denen Frauen nicht nur abgebildet, sondern als Handelnde, Entscheidende und wirtschaftlich relevante Menschen angesprochen werden.

Doch die Fragilität dieser Sichtbarkeit zeigt zugleich ihre Grenze.

Frauen kommen heute an vielen Orten vor.

Ob sie wirklich gemeint sind, erkennen wir daran, ob ihre Perspektiven die Entscheidungen verändern. Ob ihre Autorität zählt, wenn sie der vertrauten Form widerspricht. Und ob sie an der Definition jener Wirklichkeit beteiligt sind, in der Wert, Einfluss und Relevanz entstehen.

Dort beginnt die Machtfrage.

Und dort beginnt weibliche Macht.

 


🌳 Orchard Letter 31

Weibliche Macht bedeutet nicht, sich noch erfolgreicher an eine bestehende Form anzupassen. Sie beginnt dort, wo eine Frau ihre eigene Autorität bewohnt und den weiblichen Aspekt von Macht durch sich wirksam werden lässt.

Mehr über mein Verständnis von weiblicher Macht

Über die Autorin

Renate Hechenberger verbindet 30 Jahre internationale Führungserfahrung, davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen, und mehr als 15 Jahre Erfahrung als selbständige Unternehmerin und Begleiterin von Frauen an Schwellen von Entwicklung, Entscheidung und Verantwortung.

Sie arbeitet an der inneren Architektur von Führung, dort, wo weibliche Macht, Wahrnehmung und Verantwortung eine klare Form brauchen.

© 2026 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.

 

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