Wenn Leiden zur Identität wird

by | May 29, 2012 | Frühere Texte

Ein früher Text über Opferbewusstsein und Selbstverantwortung aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Ich lasse ihn bewusst sichtbar, weil die beschriebenen Dynamiken auch heute noch wirksam sind – wenn auch differenzierter betrachtet.


Die Opferrolle ist kein individuelles Versagen.
Sie ist ein tief verankertes kulturelles Muster, das sich durch Geschichte, Religion, Politik, Beziehungen und kollektive Narrative zieht.

Menschen geraten nicht zufällig in diese Haltung.
Sie entsteht dort, wo echte Verletzung, Überforderung, Ohnmacht oder mangelnde Unterstützung erlebt wurden – körperlich, emotional oder seelisch.

Problematisch wird die Opferrolle nicht durch ihren Ursprung, sondern dadurch, dass sie zur Identität wird.

Wenn Leiden unbewusst zur inneren Heimat wird, entsteht ein Zustand, in dem sich das Leben zunehmend verengt.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Schwäche.
Sondern aus einem Versuch heraus, Sicherheit in Bekanntem zu finden.

Wie sich Opferbewusstsein zeigt

Opferbewusstsein äußert sich oft nicht laut – sondern alltäglich:

  • „Warum passiert mir das immer?“

  • „Ich kann mich auf niemanden verlassen.“

  • „Das ist mir alles zu viel.“

  • „Ich habe keine Wahl.“

Innerlich geht damit häufig einher:

  • permanentes inneres Reagieren statt bewusstes Handeln

  • gedankliches Kreisen um Schuld, Vergangenheit oder mögliche Bedrohungen

  • das Gefühl, dem Leben ausgeliefert zu sein

  • emotionale Kontraktion, Erschöpfung und Energiemangel

Je länger dieser Zustand anhält, desto stärker wird das Gefühl von Getrenntsein – von sich selbst, von anderen, vom Leben.

Opferbewusstsein ist kein moralisches Problem

sondern ein energetisch-emotionaler Zustand

Es geht hier nicht um Schuld.
Nicht um „richtig“ oder „falsch“.
Und ganz sicher nicht darum, Menschen für ihr Leid verantwortlich zu machen.

Aber:
Ein Leben in dauerhafter Opferhaltung bindet Energie.
Es verengt Wahrnehmung.
Und es macht echte Veränderung unmöglich.

Selbstverantwortung – jenseits von Härte

Das Gegenmodell zur Opferrolle ist nicht Kontrolle,
nicht positives Denken
und nicht spirituelle Selbsttäuschung.

Selbstverantwortung beginnt leise.

Mit der Bereitschaft:

  • Gefühle wahrzunehmen, statt sie zu erklären oder zu vermeiden

  • im Körper zu spüren, wo etwas sitzt

  • das Erlebte nicht wegzumachen, sondern da sein zu lassen

Selbstverantwortung bedeutet:

Ich erkenne an, was ist –
und prüfe, was jetzt möglich ist.

Das kann heißen:

  • etwas zu verändern

  • etwas anzunehmen

  • oder sich aus einer Situation zu lösen

Nicht aus Trotz.
Sondern aus innerer Klarheit.

Eine einfache Reflexion

Nicht um dich zu bewerten – sondern um Bewusstheit zu schärfen:

  • Gibt es Bereiche in meinem Leben, in denen ich mich ohnmächtig fühle?

  • Kann ich real etwas verändern – oder brauche ich Unterstützung?

  • Wo halte ich an Leid fest, weil es mir Orientierung gibt?

Ehrlichkeit hier ist kein Angriff auf dich.
Sie ist ein Akt von Selbstrespekt.


Brücke zu heute

Heute würde ich diesen Text anders schreiben.

Mit mehr Raum für Trauma.
Mit mehr Achtung vor Schutzmechanismen.
Und mit einem tieferen Verständnis dafür, wie lange es dauern kann, bis ein Mensch innere Verantwortung überhaupt tragen kann.

Doch der Kern ist geblieben:

👉 Leid verdient Mitgefühl.
👉 Aber Identifikation mit Leid hält uns gebunden.
👉 Reife beginnt dort, wo wir uns selbst wieder zutrauen, handlungsfähig zu sein.

Dieser Text markiert einen frühen Punkt auf meinem Weg.
Heute arbeite ich weniger konfrontativ – und deutlich präziser.


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