Ein früher Text über spirituelle Orientierung, Suchbewegungen und die oft unterschätzte Frage nach Reife.
Er bleibt hier bewusst sichtbar – als Teil des Weges, aus dem meine heutige Ausrichtung entstanden ist.
Viele Menschen, die sich vor einigen Jahren auf einen spirituellen Weg gemacht haben, waren stark vom Begriff der Erleuchtung angezogen.
Heute wirkt dieses Wort für viele sperrig oder überholt. Stattdessen wird lieber von Erwachen oder Aufwachen gesprochen – bodenständiger, weniger „esoterisch“, weniger erklärungsbedürftig.
Was dabei oft übersehen wird:
Der Begriff mag sich ändern – die Verwirrung bleibt.
Denn egal, welches Wort verwendet wird:
Viele glauben, dass mit dem Aufwachen bereits etwas abgeschlossen sei.
Genau hier beginnt das Missverständnis.
Aufwachen ist ein Anfang – kein Abschluss
Aufwachen bezeichnet eine erste, oft tief berührende Erfahrung:
das Erkennen, dass das bisherige Leben nicht das Ganze ist.
Dass hinter Rollen, Anpassungen, Überlebensmustern etwas Tieferes ruft.
Diese Phase ist für viele intensiv, bewegend, manchmal überwältigend.
Man liest viel, probiert aus, entdeckt neue Perspektiven, neue Welten.
Engel, frühere Leben, Energiearbeit, Rituale, Methoden, Lehrerinnen, Lehrer.
Es fühlt sich an wie ein Heimkommen zu etwas lange Verdrängtem.
Diese Zeit ist nicht falsch.
Im Gegenteil: Sie ist oft notwendig.
Aber sie ist nicht das Ziel.
Die erste echte Prüfung
Irgendwann beginnt sich etwas zu verändern.
Die anfängliche Euphorie trägt nicht mehr.
Das Umfeld reagiert skeptisch, besorgt oder ablehnend.
Partner, Familie, Kolleg:innen beginnen Fragen zu stellen.
Und oft zeigt sich etwas Entscheidendes:
Nicht nur im Außen gibt es Widerstand – auch im Inneren.
Ein Teil will weitergehen.
Ein anderer will zurück in Sicherheit, Anpassung, Normalität.
Diese innere Spaltung ist kein Fehler.
Sie ist ein Hinweis.
Spätestens hier zeigt sich, ob es wirklich um Bewusstseinsentwicklung geht –
oder nur um Sinnsuche ohne Erdung.
Viele brechen an dieser Stelle ab.
Nicht, weil sie „zu schwach“ wären, sondern weil niemand ihnen erklärt hat,
dass diese Phase dazugehört.
Warum Aufwachen allein nicht trägt
Aufwachen konfrontiert uns nicht nur mit Weite, sondern auch mit Angst.
Mit Kontrollverlust.
Mit alten inneren Konflikten.
Viele möchten „loslassen“, doch der Körper ist angespannt, der Atem blockiert, das Nervensystem überfordert.
Der Wunsch nach Hingabe kollidiert mit der Angst, den inneren Halt zu verlieren.
Hier wird oft behauptet, man müsse „nichts tun“.
Dass Erwachen einfach geschieht, wenn man nur genügend loslasse.
Das ist eine gefährliche Verkürzung.
Denn ohne innere Arbeit, ohne emotionale und körperliche Integration bleibt das Aufwachen ein Konzept – oder ein Wunsch.
Bewusstsein braucht Reife
Echte Bewusstseinsentwicklung ist kein mentaler Akt.
Sie ist ein verkörperter Prozess.
Alte Bindungen, ungelöste Konflikte, frühe Prägungen –
sie lösen sich nicht durch Einsicht allein.
Es braucht die Fähigkeit,
Angst zu fühlen, ohne zu fliehen.
Widerstand wahrzunehmen, ohne ihn zu bekämpfen.
Spannung zu halten, ohne sich zu verhärten.
Erst dann wird Loslassen möglich.
Deshalb ist für viele Menschen eine Verbindung aus spirituellem Weg
und psychologischer Integration notwendig.
Nicht als Abkürzung – sondern als Fundament.
Mensch bleiben
Ein häufiges Missverständnis:
„Wenn ich erwacht bin, habe ich keine Emotionen mehr.“
Das Gegenteil ist der Fall.
Erwachen bedeutet nicht, keine Angst, keine Wut, keine Trauer mehr zu kennen.
Es bedeutet, nicht mehr von ihnen gesteuert zu werden.
Auch ein bewusster Mensch lebt ein menschliches Leben:
mit Müdigkeit, Konflikten, Verantwortung, Beziehungen, Grenzen.
Spiritualität, die das ignoriert, führt nicht in Freiheit,
sondern in Abspaltung.
Reife zeigt sich im Alltag
Die eigentlichen Pionier:innen des Bewusstseins sind für mich nicht jene,
die große Worte benutzen oder ideale Zustände beschreiben.
Es sind jene, die:
-
Beziehungen bewusst führen
-
Verantwortung tragen
-
Konflikte nicht vermeiden
-
sich verletzlich zeigen
-
im Alltag präsent bleiben
Bewusstsein zeigt sich nicht auf Rückzugsebene,
sondern im gelebten Leben.
Einordnung aus heutiger Sicht
Dieser Text entstand in einer Phase,
in der ich Orientierung in einem überladenen spirituellen Feld suchte
und Unterschiede sichtbar machen wollte, die oft vermischt wurden.
Heute arbeite ich nicht mehr an Begriffen wie Erwachen oder Erleuchtung.
Mich interessiert nicht das Versprechen eines Zustands,
sondern die inner architecture, aus der Menschen leben, entscheiden und führen.
Bewusstsein ohne Reife trägt nicht.
Erkenntnis ohne Integration bleibt fragil.
Meine heutige Arbeit setzt genau dort an:
bei Präsenz, innerer Stabilität und der Fähigkeit,
Macht, Beziehung und Verantwortung bewusst zu halten.
© 09/2015 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.
Überarbeitet und neu eingeordnet 2025.
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