Wer handelt in mir?

Wer handelt in mir?

Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit als Energetikerin und spirituelle Lehrerin.
Er bleibt hier bewusst sichtbar – als Teil des Weges, aus dem meine heutige Ausrichtung entstanden ist.


Über innere Anteile, Bewusstsein und Reife

Manche spirituellen Lehrer arbeiten mit dem Enneagramm, um Persönlichkeit und Ego weiterzuentwickeln.
Mir diente und dient dafür das Modell der Inneren Personen.

Wer ist eigentlich „ich“?

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen klar:
Unsere Entscheidungen und Verhaltensweisen werden weit stärker von Emotionen geprägt als von rationalem Denken. Die Rolle des bewussten, steuernden „Ichs“ wird dabei häufig überschätzt.

Der Mensch ist kein eindimensionales Wesen, sondern eine vielschichtige, adaptive Multilevel-Persönlichkeit. Wir erleben unser Leben als Individuum – und tragen zugleich ein inneres Vielstimmigkeitsfeld in uns.

Jeder Mensch besitzt eine einzigartige Persönlichkeit, zusammengesetzt aus verschiedenen Persönlichkeitsanteilen – den Inneren Personen.
Sie entstehen überwiegend in der Kindheit, manche reichen weiter zurück. Sie sind physischer, emotionaler, mentaler und auch transpersonaler Natur. Viele von ihnen übernehmen Schutzfunktionen für verletzliche innere Bereiche.

Welche Anteile sich entwickeln und wie viele, hängt stark von den jeweiligen Lebensumständen ab.

Die Arbeit mit Inneren Personen unterstützt Bewusstwerdung und Heilung innerer Wunden – auch solcher, die tief geprägt oder lange verdrängt sind. Sie eröffnet einen Weg, die Ganzheit des eigenen Seins erfahrbar zu machen.

Ein zentraler Reifungsschritt besteht darin, die Polarität zwischen Verletzlichkeit und Macht zu erkennen. Innerhalb dieser Spannung leben wir unser Leben und unsere Beziehungen. Oft beginnt Transformation dort, wo eine innere Schwachstelle bewusst wahrgenommen wird – denn jedes innere Problem ist an einen bestimmten Anteil gebunden.

Wir identifizieren uns meist mit einigen wenigen sogenannten Hauptselbsten. Das sind jene Anteile, die im Alltag dominant auftreten, laut sind oder scheinbar gut funktionieren. Andere sind leise, scheu oder treten nur in bestimmten Situationen hervor. Manchmal stehen mehrere Anteile in Konflikt zueinander – jeder beansprucht Recht. Das führt zu innerer Zerrissenheit und Entscheidungsunfähigkeit.

Innere Anteile agieren grundsätzlich strategisch. Sie sind darauf ausgerichtet, Anerkennung zu sichern und Ablehnung zu vermeiden – gesteuert von bewussten und unbewussten Programmen.

Jeder Anteil nimmt die innere und äußere Welt aus seiner eigenen Perspektive wahr.
Er denkt, fühlt, handelt und bewertet auf seine Weise.
Und jeder trägt seine eigene Geschichte und seine eigenen Bedürfnisse in sich.

Traditionell wird das Ego als „Exekutive der Psyche“ beschrieben – als Instanz, die entscheidet und handelt. Um alte Missverständnisse zu vermeiden, spreche ich hier vom Strategischen Selbst. Dieses Selbst sammelt Informationen sowohl aus bewusster Wahrnehmung als auch aus den Erfahrungen der verschiedenen inneren Anteile.

Mit wachsendem Bewusstsein kann sich daraus ein Bewusstes Selbst entwickeln – ein innerer Zustand, aus dem authentischere Entscheidungen möglich werden.

Ein entscheidender Wendepunkt entsteht, wenn wir beginnen zu unterscheiden:
Wann spricht ein Wächteranteil?
Wann reagiert ein verletztes inneres Kind?
Wann übernimmt ein rebellischer oder angepasster Anteil?

Sobald diese Differenzierung wirklich verstanden wird, verändert sich die Lebensperspektive spürbar. Man erkennt, dass unterschiedliche innere Stimmen je nach Situation völlig unterschiedlich handeln – und dass keine davon „die ganze Wahrheit“ ist.

Die Arbeit mit Inneren Personen ist für echte persönliche und spirituelle Reifung wesentlich.
Ohne ihre Integration bleibt Entwicklung fragmentiert.

Kritische innere Stimmen, selbstschädigende Muster, wiederkehrende Beziehungsdynamiken oder lähmendes Aufschieben sind Ausdruck ungelöster innerer Anteile. Werden sie gesehen und einbezogen, können sie sich wandeln und zu tragenden Kräften werden.

Angst, Wut, Scham, Kontrolle, Rückzug oder Depression wurzeln häufig in frühen emotionalen Verletzungen. Sie gehören zu Anteilen, die einst Schutz boten, heute aber festgefahren sind. Erst durch ihre individuelle Würdigung und Integration kann sich das Bewusste Selbst stabil entfalten.

Das Bewusste Selbst

Das Bewusste Selbst ist jener innere Raum, aus dem Achtsamkeit, Mitgefühl, Verbundenheit und Klarheit entstehen.
Es ist kein Anteil unter vielen, sondern ein Zustand von Präsenz, der allmählich Führung übernehmen kann.

Ziel dieser Arbeit ist keine Auflösung der Persönlichkeit, sondern eine durchlässige, integrierte Persönlichkeit, in der das Strategische Selbst lernt, sich von bewusster Präsenz leiten zu lassen.

Das Ego kann – solange wir leben – nicht aufgelöst werden.
Versuche, es zu „beseitigen“, führen meist zu innerem Kampf oder Dissoziation. Beides ist kein Zeichen von Reife.

Reifung entsteht nicht durch Transzendieren, sondern durch Integrieren.

Wenn innere Anteile sich nicht mehr verteidigen müssen, wenn sie gesehen und gehalten werden, kann das Bewusste Selbst natürlicherweise in den Vordergrund treten – ruhig, tragfähig, klar.


Brücke zu den heutigen Orchard-Texten

Dieser Text stammt aus einer Phase, in der ich innere Dynamiken noch stärker erklärend und strukturierend beschrieben habe.
Heute arbeite und schreibe ich aus einer anderen Haltung: weniger modellhaft, weniger methodisch – näher an Präsenz, Feld und gelebter innerer Architektur.

Die Grundfragen jedoch sind geblieben:
Wer handelt in mir?
Wer führt?
Und was geschieht, wenn innere Anteile nicht mehr gegeneinander arbeiten, sondern gehalten werden?

Die Orchard-Texte nehmen diese Fragen heute auf einer anderen Ebene wieder auf – nicht mehr als Beschreibung innerer Mechanismen, sondern als Einladung, innere Führung zu verkörpern.

Dieser Artikel bleibt als Ursprung sichtbar.
Nicht als Anleitung, sondern als Spur.


© 01 /2019 Renate Hechenberger. Alle Rechte Vorbehalten.
Foto credit: Canva Pro

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