Muss ich wirklich alles fühlen?

Muss ich wirklich alles fühlen?

Gefühle sind echt. Gefühle sind hundertprozentig. Gefühle brauchen keine Rechtfertigungen. Sie sind einfach da. Doch sie sind nicht immer einfach zu spüren, auszuhalten und zu integrieren. Viele Menschen haben Angst vor sogenannten „negativen Gefühlen“ wie Versagensangst, Trauer, Ablehnung, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schuld, Wut, Zorn und vor allem vor Scham und Selbsthass, und so versucht unsere innere Wächterstruktur unser ganzes Leben lang, die Gefühle so zu kontrollieren, dass sie erst gar nicht hervorgerufen werden können.

Doch je mehr der Wächter kontrollieren will, desto stärker geratest du in die Ohnmacht. Dann fühlst du heftigen Widerstand in dir. Widerstand dagegen, anzunehmen, was ist. Genau das tut weh. Ich wiederhole: Es ist immer der Widerstand zu fühlen was gerade ist, was so weh tut! Könnte das Gefühl einfach da sein, ohne sofort bewertet oder „aufgelöst“ zu werden, kann es integriert werden. Doch viele Menschen haben keine Ahnung davon, wie man das macht. So bleiben sie im Widerstand gefangen – für mich sieht es so aus, als ob endlose Stacheldrahtschlingen um sie herum gezogen sind.

Vielleicht sagst du dir gerade: „Ich muss doch meine Gefühle kontrollieren, das wäre ja katastrophal …“ Ja, wäre es das wirklich? Wer in dir ist so überzeugt davon? Denn es geschieht genau das Gegenteil: Die Gefühle, vor denen du Angst hast, kontrollieren dein Leben und engen dich in deinem Verhalten ein. Du bist nicht frei und dein Leben läuft nicht besser, wenn du alle deine (negativen) Gefühle unterdrückst. Alles was du brauchst ist etwas Mut und Training darin, wie du mit deinen Gefühlen besser leben kannst. Du kannst dir beibringen, alle deine Emotionen zu lieben, sie wertzuschätzen und als einen Teil von dir zu intergrieren – auch die „unagenehmen“; du hörst auf, unglaublich viel Energie dafür aufzuwenden sie zu vermeiden, du fängst an bewusster zu handeln, wirst ruhiger und zentrierter und bleibst so im Fluss deines Lebens – vielleicht zum allerersten Mal.

Unterdrückte Gefühle ziehen Situationen an, die ausgelebt werden wollen

Haben wir nicht festgestellt, dass sich manche Situationen in unserem Leben wiederholen? Unterdrückte Gefühle (also Gefühle, die wir in einer bedrohlichen Situation ausgeblendet haben) wirken wie starke Magnete. Es ist, als würden wir solange eine Frequenz in die Welt senden, bis wir die Welle von jemandem treffen, der eine dazu passende Frequenz hat. Wenn das unterdrückte Gefühl z. B. Scham oder Wertlosigkeit ist, wird diese Person uns unsere Scham fühlen lassen, indem sie ständig an uns herummäkelt oder uns als Partner ständig betrügt.

Und es kann passieren, dass wir jedes Mal eine Art Erstarrung in uns spüren, die uns davon abhält, adäquat zu reagieren:
Wir können nichts sagen.
Wir können uns nicht verteidigen.
Wir fühlen uns wie gelähmt und der Situation völlig ausgeliefert.
Wir werden uns sogar an einen Teil der Situation später gar nicht mehr erinnern können.

Erinnern wir uns daran, kann es passieren, dass wir wütend auf uns selber werden, weil der Verstand unsere Handlungsweise als inkompetent abstempelt. Doch diese Handlungsweise ist nicht mit dem Verstand zu ändern und auch nicht mit Disziplin. Diese Handlungsweise ist nur mit dem Gefühl zu verändern, das unterdrückt ist.

In der Annahme des Gefühls geschieht die Veränderung

Es liegt an uns, ob wir die Macht der Gefühle gegen uns richten oder für uns nutzen. Es ist allein unsere Entscheidung. Gelegenheiten bekommen wir in unserem Leben genügend, das unterdrückte Gefühl endlich zuzulassen und zu heilen, indem wir es in unser Bewusstsein holen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Situationen, die uns begegnen, immer heftiger werden, um uns regelrecht mit der Nase darauf zu stoßen. Es ist so wichtig, keine Angst mehr vor unseren Gefühlen zu haben,.

Die Innenwelt hält alle Informationen für uns bereit

Um an unterdrückte Gefühle zu gelangen, sind innere Bilder sehr hilfreich. Wenn wir uns in der Tiefenentspannung etwas bildlich vorstellen, sind alle Informationen in dieser Vorstellung enthalten:
Das Gefühl
Die dazugehörigen Körperwahrnehmungen
Die dazugehörigen Gedanken und Erinnerungen
Die dazugehörigen Impulse.

Die inneren Bilder sind durch Erfahrungen entstanden und sind in unserem Gehirn gespeichert. Das Gehirn macht keinen Unterschied, ob eine Erfahrung in der Innenwelt oder in der Außenwelt gemacht wird, denn wir sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn (siehe Film: „What the Bleep do we know“). Machen wir eine neue Lebenserfahrung, verändern sich unsere inneren Bilder und die neuronalen Wege im Gehirn, sprich unser Verhalten. Wenn wir durch „Vorsagen“ ein Bild verändern, passiert innerlich keine Veränderung im Gehirn. Eine Lebenserfahrung, die etwas im Gehirn bewirkt, beinhaltet eine Situation, ein intensives Gefühl, eine Körperwahrnehmung, eine Emotion und einen Impuls, den Ausdruck eines Gefühls und eine Reaktion unseres Gegenübers.

Wenn eine Klientin mit einer körperlichen Beschwerde oder mit einer unangenehmen Situation, die ihr immer wieder begegnet (z. B. wenn sie immer wieder an den „falschen“ Partner gerät), zu einer meiner Sitzungen kommt, beleuchtet sie in meiner Begleitung die Ursachen in der Innenwelt (in ihrem Unterbewusstsein). Ich helfe meiner Klientin an ihr Gefühl heranzukommen, das hinter den Beschwerden oder hinter der bestimmten Situation verborgen ist. Irgendwann einmal in der Sitzung kommt sie dann an ihr unterdrücktes Gefühl heran, welches manchmal schwer anzunehmen sein kann. Es kann zum Beispiel Ohnmacht mit Erstarrung sein. Genau dann ist es wichtig, meine Klientin dorthin zu begleiten, statt sie gleich wieder aus ihrer Empfindung herauszuholen.

Vorausgesetzt, man kann als Begleiter selber mit Ohnmacht und Erstarrung umgehen, kann die Klientin dadurch viel leichter in Resonanz mit dem Gefühl gehen, es zulassen und diesem den nötigen Raum geben. Dann heißt es, „nur noch“ präsent zu sein und der Klientin Zeit zu lassen, bis sie merkt, dass das Gefühl nicht so unerträglich ist, wie sie dachte, sie kann es jetzt „aushalten“. Die inneren Bilder ändern sich bald von alleine. Die Erstarrung vergeht, die Ohnmacht verwandelt sich in Hingabe oder Abwehr (Selbstschutz). Dann kann es sein, dass ein Dialog mit den inneren Bildern wieder notwendig wird, um die positive Lebenserfahrung zu vervollständigen.

Einengende Verhaltensmuster lösen sich auf

Nach so einer Erfahrung haben wir die Erstarrung und die Ohnmacht „abgeholt“ (ins Bewusstsein geholt). Erst dann können sich weitere unterdrückte Gefühle zeigen, z. B. Hilflosigkeit, Schuld oder Ekel. Es kann vielleicht sogar noch tiefer gehen. Die tiefsten Gefühle sind Selbsthass, Scham, nicht-gewollt-sein. Manche Klienten, die im Sinne ihrer Eltern „unerwünscht“ auf die Welt gekommen sind oder das „falsche“ Geschlecht hatten, und/oder in der Kindheit schwer gedemütigt/missbraucht wurden, tragen oft tief in sich Scham und Selbsthass – (Wenn ich mich so zeige, wie ich bin, werde ich nicht geliebt).

Diese Menschen nehmen sie selbst gar nicht mehr wahr. Sie fühlen sich im Leben oft leer, ängstlich und sind von der Meinung ihrer Mitmenschen abhängig. Wenn sich solch eine Klientin die Scham wie den Selbsthass bewusst gemacht hat, stärkt das mit der Zeit merklich ihre Selbstakzeptanz, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Auch von der Außenwelt bekommt sie gleich ein anderes Feedback und kann so beginnen, die Außenwelt ebenfalls anders wahrzunehmen.

Ihre Gefühle sind ihr bewusster geworden, und das Bedürfnis, sie weiterhin zu kontrollieren lässt nach. Sie wird handlungsfähiger und kann ihr Leben besser gestalten. Sie fängt an sich immer schneller daran zu erinnern, dass sie entscheiden kann ob Selbsthass wirklich die Wahrheit ist oder ob sie diesem Teil von sich, der dieses Gefühl tief in sich eingegraben hat, nicht endlich die Chance gebenkann, wieder ans Licht und ins Herz zurückzukehren.

Sie kann sich immer wieder neu für die Liebe entscheiden, aber selbst wenn sie sich wieder einmal hassen sollte, lässt sie dieses Gefühl zu, welches sie wiederum zurück in die Selbstakzeptanz und Selbstliebe führt. Jetzt wird sie langsam frei und ist nicht mehr so schnell durch Schuldgefühle oder fremde Meinungen manipulierbar. Auch körperlichen Beschwerden können mit der Zeit gänzlich verschwinden oder stark gelindert werden. Das einengende Verhaltensmuster fängt an sich aufzulösen.

Eine wundervolle Unterstützung bei dieser Lebensaufgabe, deine Gefühle kennenzulernen, zuzulassen und endlich zu intergrieren, ist Focusing. Focusing ist eine Problemlöse-Methode, die Denken und Fühlen systematisch in Beziehung bringt. Indem die Wahrnehmung auf das körperlich spürbare Unklare einer Situation gerichtet wird, ist es möglich, gezielt in den Bereich eines Themas zu kommen, in dem Worte noch fehlen. Der Begründer ist Eugene T. Gendlin

Ich wünsche dir viel Kraft, dich deinen Gefühlen wirklich stellen zu können um dein Leben so um vieles freudvoller zu gestalten.

Alles Liebe, Renate

Om Mani Padme Hum ?

Om Mani Padme Hum ?

Da ich immer daran interessiert bin, dich näher kennen zu lernen, würde ich mich sehr freuen, wenn du unter diesen Artikel etwas darüber schreibst, was dich gerade am stärksten zu diesem Thema bewegt. ?

© 03/2017 Renate Hechenberger. All Rights Reserved. Bitte Beiträge NICHT kopieren. Du kannst gerne einen Blogbeitrag von mir Rebloggen oder ein Zitat aus einem meiner Blogbeiträge mit meinem Namen und einem Link zum jeweiligen Artikel auf meinem Blog einbinden. Danke.

Foto credit: © pathdoc – Shutterstock/com
Foto credit Fun Frog: © Julien Tromeur – Shutterstock/com

Literatur:

Die Kunst des Annehmens von Ann Weiser Cornell

https://www.amazon.de/Die-Kunst-Annehmens-Arbeiten-Focusing/dp/3732241971/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=1483354301&sr=1-2

 

Melde dich für meinen „NEWSLETTER“ an (unter Newsletter ganz oben). Du bekommst exklusive passwortgeschützte Blogartikel von mir und Steven Black & meine geführten Meditationen nur für Abonnenten. Kostenlos. Keine Weitergabe an Dritte. Jederzeit abbestellbar.

Merken

Merken

Krisenmanagement

Tagesimpuls 8.2.17

Krise bedeutet: Drama, Alarm, Stress, Schock, starke innere Unruhe.

Du hast keinen Ausweg mehr.

Die alten Überlebensstrategien greifen nicht mehr.

Krise bedeutet: Der Teil in dir, der die größte Panik hat, übernimmt.

Alles was bis jetzt funktioniert hat, bricht weg.

Krise bedeutet: Angst und Verzweiflung.

Krise stellt die Frage: Was passiert, wenn ich das nicht mehr in die Reihe bekomme?

Krise wird gefühlt zur existentiellen Bedrohung.

Krise bedeutet Verlust.

Krise fühlt sich an, wie ein Abgrund in den man fällt.

Krise bedeutet aber auch eine (neue) Chance …

Keine Krise erledigt sich von Heute auf Morgen.

In der Krise gilt: Lebe von Moment zu Moment.

Und das bedeutet: Brich deinen Tag in einzelne Segmente, kleine ZeitPortionen, in denen du nur das tust, was du wirklich schaffen kannst und was dir möglich ist. Hör auf dich anzutreiben oder zu überfordern – es nützt sowieso nichts.

Tägliche Hilfe in Krisen:

Erkenne an, was ist. Du kannst es im Moment nicht ändern. Steh dazu!

Fühle den Teil in dir der Widerstand leistet – Widerstand verstärkt, was du nicht willst.

Kümmere dich um die inneren KindAnteile – sie haben jetzt große Angst.

Wenn der Innere Antreiber und der Innere Kritiker aktiv werden: Hinsetzen, atmen, 10 Minuten still werden und einfach diese Aspekte von dir FÜHLEN bzw. ihnen zuhören; schreib, auf was die Stimme in deinem Kopf sagt; sag dem Teil, dass du ihn hörst, sie wahrnimmst so, wie sie sich im Moment fühlt. Es muss NICHTS getan werden, einfach wahrnehmen und ernsthaft zur Kenntnis nehmen. Nicht mit den Teilen argumentieren oder vom Gegenteil überzeugen, das hilft gar nichts, sondern verstärkt das Stress- und Angstgefühl. Sie entspannen sich, wenn sie wahrgenommen werden, sich gehört/gesehen fühlen.

Erlaube ALLEN deinen Gefühlen da zu sein, es funktioniert sowieso nicht, wenn du sie wegdrückst. Weine, schreie, lass deine Wut raus, wenn du alleine bist. Setz dir dazu einen festen Zeitpunkt. Zerschneide etwas, wirf das alte Porzellan, geh Holz hacken ..

Verbinde dich mit deinem Körper – wenn möglich mehrmals am Tag: Atme bewusst, mache ein paar Dehnübungen oder Yoga, beweg dich an der frischen Luft, spiel mit deinem Haustier (wenn du eines hast), koch dir was gutes, räum den Kühlschrank auf, wirf alte Sachen weg, such dir etwas, was dir immer schon Freude gemacht hat und versuche es zu tun, schau öfter mal in den Himmel oder betrachte deine Blumen und mach dir bewusst, dass es etwas gibt, das größer ist als du und deine Krise.

Mache TRE – eine der besten Übungen für Stress und Krisensituationen, danach funktioniert vielleicht eine geführte Meditation.

Wann immer stressige Gedanken hochkommen, die sich endlos im Kreis bewegen, stell dir diese einfache Frage:

Was könnte ich tun, um jetzt zur Ruhe kommen?

Wie kann ich mich trösten – ohne zu Alkohol oder anderen Mittelchen zu greifen? Schokolade ist erlaubt 🙂

Was brauche ich jetzt in diesem Moment, damit es mir besser geht? Es sollte etwas sein, dass DU dir selber geben kannst.

Oder versuche Folgendes:

Wenn ich wüsste, was mir gut tut, würde ich jetzt …

Sag dem Inneren Kind in dir, dass es darauf vertrauen kann, dass du gut für euch sorgst.

Sag dir öfter: Diese Krise ist nicht der Untergang meiner Welt. Auch wenn es sich jetzt so anfühlt!

Führe ein Dankbarkeitstagebuch. Auch in der Krise gibt es Dinge, für die du dankbar sein kannst.

Wenn dich düstere Zukunftsgedanken oder schmerzhafte Erinnerungen überfluten, sag laut: STOPP. Kehre zurück ins Jetzt und achte nur auf das, was jetzt, in diesem Moment, zu tun ist. Konzentriere dich bewusst darauf. Fange wieder mit den Punkten von oben an.

Wenn du den Impuls hast mit jemanden darüber zu reden, sei achtsam wem du davon erzählst. Haben sie die Gabe und die Geduld dir wirklich zuhören zu können, ohne sofort Ratschläge zu erteilen, deine Situation zu bagatellisieren oder dich zu etwas drängen wollen?

Vor allem – strapaziere sie nicht mit deinem immer gleichen Gejammere.

Sag dir immer wieder: „Ich schaffe das!“ Es wirkt. Entwickle ein hilfreiches Bild für das, was du willst, auch wenn es noch nicht da ist.

Mach dir bewusst, dass deine Krise einen Sinn und ein Ende hat, auch wenn du es im Moment noch nicht erkennen kannst. Krisen erschüttern das Alte, rufen dich auf, aufzuwachen und Dinge zu ändern. Sie überprüft, was noch echt ist. Sie zeigt auf, was gehen darf und was bleiben kann.

Wenn das alles nichts hilft: Such dir professionelle Hilfe.

Ich wünsche dir für heute einen Krisen- und Stressfreien Tag.
Alles Liebe, Renate

Kennst du jemanden, der auch von diesem Tagesimpuls profitieren könnte? Dann teile oder e-mail den Blog-Artikel, Danke. ?

Und natürlich würde ich mich über einen Kommentar von dir hier im Blog sehr freuen. Ich möchte wissen, ob meine Impulse dir weiterhelfen, ob du sie gut findest oder ob du andere Vorschläge hast. Lass es mich wissen. Ich bin wirklich daran interessiert dir weiter zu helfen.

Home

© 02/2017 Renate Hechenberger
Foto credit: © pathdoc – Shutterstock/com

Melde dich für meinen „NEWSLETTER“ an (unter Newsletter ganz oben). Du bekommst exklusive passwortgeschützte Blogartikel von mir und Steven Black & meine geführten Meditationen nur für Abonnenten. Kostenlos. Keine Weitergabe an Dritte. Jederzeit abbestellbar.