Ein früher Text über spirituelle Abkürzungen, Dissoziation – und die unbequeme Wahrheit von innerer Arbeit.
Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Ich lasse ihn bewusst sichtbar, weil viele der beschriebenen Dynamiken bis heute wirksam sind.
„Lass alles los.
Auch die Schatten.
Ignoriere Störfelder.
Konzentriere dich auf Licht und Liebe.
Was bleibt, wenn du alles losgelassen hast?
Nur Gott.“
Solche Ratschläge begegnen mir seit Jahren – früher in spirituellen Seminaren, später auf Blogs und in sozialen Medien.
Sie klingen ruhig. Erhaben. Erlöst.
Und sie sind hochproblematisch.
Denn was hier als spirituelle Weisheit verkauft wird, ist in Wahrheit oft nichts anderes als Dissoziation mit Lichtfilter.
Loslassen wird zur moralischen Pflicht erklärt.
Fühlen zur Schwäche.
Tiefe innere Arbeit zur unnötigen Umwegschleife.
Und genau das hinterlässt Menschen verwirrt, beschämt – und alleine mit ihrem Schmerz.
Die unbequeme Wahrheit
Echte Veränderung braucht Zeit.
Und sie braucht Kontakt.
Innere Wunden, Prägungen, frühe Bindungserfahrungen oder chronische Überforderungen lösen sich nicht durch mentale Anweisungen auf.
Nicht durch positives Denken.
Nicht durch spirituelle Konzepte.
Was nicht gefühlt werden durfte, kann nicht einfach „gehen“.
Was nie gesehen wurde, lässt sich nicht wegatmen.
Und was innerlich gebunden ist, folgt keinem Befehl.
Loslassen ist kein Startpunkt.
Es ist ein Ergebnis.
Was stattdessen geschieht
Viele Menschen versuchen, sich „über“ ihre Themen hinwegzubewegen.
Sie ersetzen Auseinandersetzung durch Ideologie.
Tiefe durch Begriffe.
Integration durch Hoffnung.
Das wirkt – kurzfristig.
Doch was verdrängt wird, bleibt aktiv.
Es taucht in Beziehungen auf.
Im Körper.
In Erschöpfung, Reizbarkeit, Rückzug oder Überanpassung.
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts mehr „funktioniert“.
Nicht die Meditation.
Nicht das Denken.
Nicht das spirituelle Narrativ.
Dann wird klar:
Der Weg führt nicht nach oben – sondern nach innen.
Loslassen braucht Annahme
Etwas kann sich erst lösen, wenn es vollständig da sein darf.
Ohne Bewertung.
Ohne Beschleunigung.
Ohne spirituellen Anspruch.
Solange innere Resonanzen bestehen, bleibt Verbindung.
Solange Emotionen gebunden sind, bleibt Spannung.
Solange Anteile nicht integriert sind, bleibt Bewegung blockiert.
Loslassen geschieht nicht durch Ignorieren,
sondern durch vollständiges Durchfühlen, Verstehen und Verkörpern.
Das ist kein schneller Weg.
Aber ein ehrlicher.
Wer wählt eigentlich?
„Was wir fokussieren, wird unsere Realität.“
Ein beliebter Satz.
Doch wer in uns fokussiert?
Nicht alle inneren Ebenen wollen dasselbe.
Nicht alle Anteile tragen dieselbe Wahrheit.
Nicht jede Entscheidung entsteht aus Freiheit.
Mentales Wissen allein reicht nicht aus, wenn innere Loyalitäten, Schutzmechanismen oder alte Bindungen dagegen arbeiten.
Erst wenn innere Kohärenz entsteht, wird Wahl möglich.
Eine persönliche Rückschau
Ich habe viele Wege gesehen.
Viele Konzepte geprüft.
Viele Versprechen gehört.
Und ich habe erfahren, wie leicht man sich verirrt, wenn man versucht, sich selbst zu überspringen.
Wie schnell Spiritualität zur Vermeidung wird.
Und wie heilsam es ist, irgendwann aufzuhören, sich außerhalb von sich selbst zu orientieren.
Was mich weitergebracht hat, war nicht das nächste Modell.
Sondern Integration.
Ehrlichkeit.
Und die Bereitschaft, mich dem zuzuwenden, was ich lieber losgeworden wäre.
Heute
Aus heutiger Sicht weiß ich:
Loslassen ist kein Ziel.
Es ist ein Nebenprodukt von Reife.
Es geschieht dort, wo nichts mehr abgespalten werden muss.
Wo Gefühl, Körper, Denken und Präsenz wieder zusammenfinden.
Wo innere Wahrheit nicht mehr bekämpft wird.
Und genau dort beginnt eine Form von Freiheit,
die nicht behauptet werden muss.
Brücke zu heute
Dieser Text markiert einen Punkt auf meinem Weg, an dem Klarheit wichtiger wurde als spirituelle Zugehörigkeit.
Heute arbeite ich nicht mit Abkürzungen, sondern mit innerer Struktur.
Nicht mit Idealen, sondern mit Verkörperung.
Loslassen geschieht nicht, weil wir es wollen – sondern weil etwas in uns endlich gehalten werden kann.
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Überarbeitet und neu eingeordnet 2025.
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