Er bleibt hier bewusst sichtbar – als Teil des Weges, aus dem meine heutige Ausrichtung entstanden ist.
„Nur die Liebe zählt“, singt Gregor Meyle gerade im Radio.
„Nur die Liebe zählt, es ist nie zu spät daran zu glauben, du musst nur daran glauben, alles wird gut.“
Aber: Ist Liebe wirklich genug?
Natürlich ist echte Liebe eine kraftvolle, verbindende Qualität – etwas, wonach wir uns sehnen und das wir zugleich selten in reiner Form erleben. In unseren romantischen Beziehungen wirken fast immer Bedürfnisse mit, die in der abhängigen Phase der Kindheit nicht erfüllt wurden und sich später auf den erwachsenen Partner richten.
Und hier beginnt das Drama.
Wie soll ein einzelner Mensch all die Bedürfnisse eines anderen erfüllen können?
Viele Menschen wissen zu Beginn einer Beziehung selbst noch nicht, was ihre wirklichen Bedürfnisse sind. Manche zeigen sich erst im gemeinsamen Alltag. Häufig fehlt die innere Klarheit darüber, was eigentlich gebraucht wird. Diffuse Emotionen, hormonelle Schwankungen und eine oft wenig tragfähige Kommunikationskultur tragen dazu bei, dass man sich nicht ausdrückt – oder irgendwann aufhört, es überhaupt zu versuchen.
So entsteht schleichend das Gefühl, in der Beziehung nicht wirklich genährt zu sein. Gegenseitiges Bemühen lässt nach, Enttäuschung sammelt sich an. Am Ende landet die Beziehung innerlich in der Schublade: „Schon wieder etwas, das für mich nicht funktioniert.“
Es ist eine schmerzhafte Illusion, zu hoffen, ein Mensch könne alle inneren Lücken eines anderen füllen. Wir wissen das – und vergessen es dennoch immer wieder.
Die Vorstellung hält sich hartnäckig: Wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dann wird alles gut. Man wird sich gesehen, gehalten, wieder ganz fühlen.
Stattdessen zeigt sich im Laufe der Beziehung oft, dass es im Anderen Leerräume gibt, die sich nicht füllen lassen – egal, wie sehr man sich bemüht. Diese Leerräume entpuppen sich nicht selten als Fass ohne Boden.
Die Enttäuschung darüber ist tief. Sie wirft Fragen auf, die am Selbstwert rütteln:
Ist meine Liebe nicht stark genug? Liebe ich falsch? Bin ich nicht genug?
So beginnt eine Spirale, die sich immer weiter nach unten dreht. Wenn ein Partner beginnt, dauerhaft eigene Bedürfnisse zu opfern, um den anderen emotional zu stabilisieren, und dabei nichts zurückfließt, entsteht keine tragfähige Beziehung – sondern der Beginn einer emotionalen Erschöpfung.
Ein alltägliches Beispiel
Der Küchenboden ist schmutzig. Brotkrümel liegen herum, eingetrocknete Kaffeeränder zieren das Tischtuch.
Man kann jedes einzelne „Vergehen“ benennen – doch der Boden bleibt schmutzig, bis er geputzt wird. Analyse allein schafft keine Veränderung.
Also beginnt man zu nörgeln. Oder man putzt schweigend – und schluckt den Ärger hinunter, bis er sich Bahn bricht.
Wessen Bedürfnis zählt nun mehr?
Das Bedürfnis nach Ordnung? Oder das Bedürfnis nach Freiheit und Ungezwungenheit?
Eine populäre Beziehungsphilosophie lautet:
„Man muss den anderen so akzeptieren, wie er ist. Niemand kann den anderen ändern.“
Das klingt gut – ist im Alltag jedoch anspruchsvoll. Denn Partnerschaft konfrontiert unweigerlich die inneren Anteile, vor allem jene verletzten kindlichen und jugendlichen Ebenen, deren alte Wunden berührt werden.
Diese bedürftigen inneren Anteile – oft verbunden mit unverarbeiteten Verletzungen – erzeugen die inneren Leerräume, denen sich der Partner hilflos gegenüber fühlt.
Innere Dynamiken
Ich selbst habe zum Beispiel einen starken inneren Perfektionisten. Er setzt mich unter erheblichen inneren Druck, angetrieben von der alten Hoffnung, Kritik oder Ablehnung zu vermeiden.
Das Kind in mir reagiert darauf mit Stress und Angst – in Erwartung von Schelte, die längst vergangen ist, innerlich aber weiterwirkt.
Diese inneren Dynamiken haben sich über Jahre nur langsam verändert. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Geduld und Bewusstheit.
Für einen gelasseneren Partner wirken solche Reaktionen oft unverständlich – ebenso wie umgekehrt der Anspruch auf Ordnung Stress auslösen kann.
Was hilft, ist ehrliche Kommunikation und vor allem Selbsterkenntnis:
Wer fühlt da eigentlich? Welcher Anteil reagiert? Wovor schützt er?
Erst wenn diese inneren Ebenen gesehen und gefühlt werden können, beginnt Integration. Dann entsteht Verständnis – auch für den Partner.
Anpassung oder Selbstverlust?
In einer lebendigen Partnerschaft passen sich beide an. Es ist keine Schwäche, eigene Muster zu hinterfragen oder sich zu verändern, um einem Bedürfnis des anderen zu begegnen.
Doch es braucht Achtsamkeit: Anpassung darf nicht in Selbstverlust münden.
Liebe allein schützt nicht davor, dass Beziehung zur Bühne unbewusster Dynamiken wird. Im Gegenteil – sie kann zum Spielball werden, wenn innere Verantwortung fehlt.
Liebe kann tragen, wenn es schwierig wird.
Aber sie kann kein Trauma heilen.
Sie kann keine inneren Leerräume füllen, die nie gelernt haben, Liebe zu empfangen.
Diese Anteile brauchen etwas anderes: Zuwendung von innen.
Verantwortung für sich selbst
Es braucht die Bereitschaft, sich um die eigenen bedürftigen Anteile zu kümmern – statt diese Aufgabe an den Partner auszulagern.
Der Partner ist kein Elternersatz und kein Therapeut.
Er kann unterstützen, begleiten, mitgehen – aber nicht die innere Arbeit übernehmen.
Eine bewusste Beziehung erfordert Selbstanbindung, Klarheit über eigene Bedürfnisse und die Fähigkeit, innere Anteile nicht zu verdrängen oder gegeneinander auszuspielen.
Gesunde innere Führungsanteile sind verhandlungsfähig, kompromissbereit und lösungsorientiert. Wenn jedoch ausschließlich verletzte Kindanteile agieren, fehlt der Beziehung ein tragfähiges Fundament.
Viele Menschen fürchten, ihre Identität zu verlieren, wenn sie sich mit inneren Wunden beschäftigen. Das zeigt, wie fragil Identität oft ist.
Doch Liebe bedeutet Wandel. Sie fordert auf, alte Gewissheiten loszulassen – und verlangt Kommunikation, die gelernt werden will.
Romantische Ideale
Medien prägen bis heute Bilder idealisierter Beziehungen.
Der innere Teenager trägt diese Ideale oft besonders hartnäckig – und leidet, wenn sie sich nicht erfüllen.
Auch das Konzept der „Seelenliebe“ oder „Dualseele“ wirkt hier stark.
Ja, es gibt tiefe seelische Verbindungen. Doch sie bedeuten nicht automatisch Harmonie oder lebenslange Partnerschaft. Oft stellen sie gerade jene Basis bereit, auf der Konflikte sichtbar und bearbeitbar werden.
Eine gemeinsame spirituelle Anbindung kann Beziehung vertiefen.
Doch wenn Partnerschaft den Platz von Sinn, Halt und Transzendenz vollständig einnehmen soll, wird sie überfordert.
Ein stiller Anfang
Setze dich hin.
Halte all deine inneren Anteile in deinem Bewusstsein – auch die verletzten, wütenden, ängstlichen.
Nicht um sie zu verändern, sondern um sie wahrzunehmen.
Je mehr du das für dich selbst kannst, desto eher wirst du es auch in Beziehung können.
Geduld ist dabei unverzichtbar – eine Qualität, die unsere schnelle Welt kaum fördert. Doch ohne Geduld gibt es keine bewusste Beziehung.
Der Anfang liegt immer bei dir selbst:
Dich annehmen, mit dem, was jetzt ist.
Denn nur ein Herz, das sich selbst nicht mehr verleugnet, kann einem anderen wirklich begegnen.
Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit, in der Beziehung, Trauma und innere Anteile im Zentrum standen.
Heute arbeite ich nicht mehr primär auf der Beziehungsebene, sondern an der inneren Führung und Struktur, aus der Menschen Beziehung gestalten.
Was geblieben ist, ist die zentrale Erkenntnis:
Liebe allein trägt nicht – wenn innere Verantwortung, Selbstanbindung und Präsenz fehlen.
Diese Frage bildet heute einen Teil des größeren Rahmens meiner Arbeit zu weiblicher Macht und innerer Führung.
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