Wenn Farbe Präsenz wird

von | Okt. 31, 2025 | Orchard Letters

Dieser Text eröffnet die Artist Orchard Series — Porträts von Frauen, deren Kunst stille Codes des Weiblichen trägt. Diese Arbeiten werden nicht wegen Ruhm oder Trend ausgewählt, sondern wegen der Art, wie sie Kohärenz, Freiheit und die Kraft verkörpern, über das Spalier hinauszuwachsen.


An manchen Morgen weigert sich das Licht, still zu bleiben.
Es gleitet über die Wände von Ernestine’s Atelier, sammelt sich am Fuß jeder Leinwand und steigt dann wieder auf — ein leiser Puls zwischen Violett und Purpur. Die Luft riecht schwach nach Harz und Leinen, irgendwo im Hintergrund summen Windspiele, fast unhörbar. Der Geruch von Terpentin bleibt gerade so präsent, dass er daran erinnert: Schaffen ist körperlich, nicht mystisch.

So begann es — ich stand vor einem der violetten Felder von Ernestine Faux und sah zu, wie sich Licht in Pigment auflöste. Für einen Moment schien die Leinwand einzuatmen. Ich merkte, wie ich mit ihr zu atmen begann, und spürte, wie etwas Uraltes in mir ausatmete.

Es war keine Farbe mehr.
Es war Kohärenz, sichtbar geworden — ein Feld, das die Spannung in meinem eigenen Körper neu ordnete. Es fühlte sich weniger an, als würde ich ein Kunstwerk betrachten, und mehr, als stünde ich in einem Puls des Seins, in dem sich die Grenzen zwischen Schöpferin, Betrachtender und Farbe zu einem gemeinsamen Atem auflösten.

Hinter mir war das Atelier still, nur unterbrochen vom leisen Klirren gespülter Gläser. Ein sanfter Luftzug strich durch das halb geöffnete Fenster und verschob den Duft von Ölen und trocknender Leinwand. Ernestine arbeitete schweigend an einer anderen Leinwand, ihre Hände folgten einem unsichtbaren Rhythmus am Rand eines Rahmens. Ich konnte beinahe spüren, wie sich ihre Aufmerksamkeit ausdehnte, Raum haltend für das, was noch im Werden war.

Es traf mich, wie sehr das dem gleicht, was ich bei den Frauen erlebe, mit denen ich arbeite — wie auch Führung damit beginnt, dem Aufmerksamkeit zu schenken, was noch nicht sichtbar ist. Das Warten wird zu einer Form von Hingabe, zu einer Praxis der Präsenz statt der Kontrolle.

Wenn Frauen aufhören, sich nur für Sichtbarkeit zu formen, und beginnen, sich aus Resonanz zu bewegen, beginnt ihre Kraft, Geometrie zu zeichnen — nicht Ziele. Der Strom, der sich einst angepasst hat, beginnt zu ordnen. Es ist das, was geschieht, wenn Energie sich an ihr Zuhause erinnert.

Ernestine sagte einmal zu mir:
„Ich male nie, was ich sehe. Ich male, was zu atmen beginnt, sobald ich aufhöre, es zu kontrollieren.“

Das ist Kohärenz — Pigment, das sich um Freiheit herum neu organisiert.
Und genau das geschieht auch, wenn Führung aufhört zu performen und beginnt zuzuhören. Das Feld antwortet auf Stillheit; Richtung entsteht aus Gleichgewicht.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Klientin, einer C-Level-Führungskraft, die ganze Systeme in ihrem Körper trug. In einer Stille während unserer Session sagte sie:
„Es fühlt sich an, als würde mein Atem ein Muster zeichnen.“
Sie hatte noch keine Worte dafür, doch ihr Nervensystem war in Kohärenz eingetreten — ihre Führungsgeometrie verschob sich von Anstrengung zu Fluss.

Ernestines Kunst fühlt sich genauso an: der Moment, in dem Form aufhört zu drücken und beginnt, zurückzuhören.

Einmal fragte ich sie:
„Wenn du zu malen beginnst, wo setzt du an?“
Sie lächelte und antwortete:
„Ich verbinde mich mit meiner inneren Kraft — meiner weiblichen Essenz — und mit dem Vertrauen, dass die Schöpfung durch mich hindurch in Bewegung ist.“

Für Ernestine ist Kontrolle ein Anfang, kein Ziel; sie ist das Handwerk — die technische Meisterschaft, die den Boden stabilisiert. Sie baut Schicht um Schicht — Metallics, Transparenzen, Pigmente, die fast verschwinden — und dann lässt sie los. Dieser Moment der Hingabe, den sie ihren heiligen Moment nennt, ist der Punkt, an dem innere Stärke zu Authentizität wird.

„Die Kraft, die während des Malens durch mich strömt, ist hochverdichtete Energie“, sagte sie leise.
„Deshalb kann ich drei oder vier Tage an meinen großen Kreisen arbeiten, stundenlang die Hände rotieren lassen, ohne Müdigkeit oder Schmerz. Was bleibt, ist Bewegung in der Stille aufgehoben.“

Dieses Loslassen ist dieselbe Schwelle, vor der Frauen stehen, wenn sie das Spalier der Erwartungen verlassen. Auch sie müssen darauf vertrauen, dass das, was Form hält, nicht zusammenbricht, wenn die Struktur sich löst. Das ist die eigentliche Prüfung von Kohärenz.

Ich habe diesen Wandel in Vorstandsetagen ebenso erlebt wie in Retreats: den Moment, in dem eine Frau aufhört, Kompetenz zu spielen, und Wahrheit durch sich sprechen lässt. Die Luft verdichtet sich, das Gespräch kalibriert sich neu, und der Raum beginnt, sich um ihre stille Autorität zu organisieren.

Das ist dieselbe Frequenz, die durch Ernestines Leinwände fließt — die Architektur von Kohärenz, die Gestalt annimmt.

In einer meiner Deep-Cycle-Sessions sagte eine Frau:
„Es fühlt sich an, als würden meine Worte anders atmen.“
So klingt Kohärenz, wenn sie hörbar wird.

Das Spalier zwingt uns, in geraden Linien zu wachsen.
Kunst verweigert das.
Sie kringelt sich, fließt, hört zu.

Ernestine malt den Moment, in dem der Zweig den Draht vergisst. Jeder Pinselstrich wirkt wie eine Verhandlung zwischen Begrenzung und Freigabe — zwischen dem Gelernten und dem Erinner­ten. Ihre Arbeiten werden zu einer sichtbaren Anatomie der Befreiung, zur Choreografie einer ungezähmten Intuition.

Vor ihren Werken zu stehen heißt, etwas sich lösen zu fühlen.
Zuerst werden die Augen weich, dann der Atem.
Der Körper erkennt Freiheit, bevor der Verstand sie benennt.

Diese Erkenntnis ist eine eigene Form von Führungstraining — ein stilles Lehrstück darüber, wie Präsenz Raum neu ordnet. Ein Gemälde wird zum Spiegel dafür, wie sich Macht anfühlt, wenn sie sich nicht mehr erklären muss.

Manchmal denke ich an Ernestines Bilder als emotionale Baupläne. Sie zeigen, was nach der Entscheidung geschieht — die stille Neukalibrierung, die auf jeden Durchbruch folgt. Es gibt immer einen Moment der Desorientierung, wenn das alte Gitter nicht mehr trägt und die neue Struktur noch nicht ganz da ist. Ernestines Farben leben in diesem Dazwischen. Sie halten das Zittern der Verwandlung, das Schimmern der Unsicherheit, bevor es sich zu Stärke setzt.

In Schichten zu sehen — Stillstand und Bewegung zugleich zu halten — ist bereits eine Führungskompetenz. So sieht Kohärenz. Vielleicht ist das der geheime Lehrplan der Kunst: Sie bringt die Wahrnehmung zurück ins Fühlen.

Wenn ich mit Frauen arbeite, die ganze Systeme in ihrem Nervensystem tragen, bemerke ich oft: Der Körper antwortet zuerst. Der Atem wird ruhiger, die Schultern sinken, die Stimme verlangsamt sich. Führung beginnt — wie Kunst — mit physiologischer Wahrheit: mit der Zustimmung des Körpers zu dem, was die Seele längst weiß.

Was ich aus Ernestines Atelier mitnehme, ist nie nur ein Bild.
Es ist die Erinnerung daran, dass jede Schöpfung — ob in Pigment oder in Präsenz — mit Hingabe beginnt. Dasselbe Licht, das ihre Leinwand betritt, tritt auch in jedes Gespräch ein, in dem Kohärenz führen darf. Dort ordnet sich Macht neu — nicht um zu dominieren, sondern um zu harmonisieren.

Vielleicht ist Kunst das, was bleibt, wenn Macht aufhört zu performen — das Nachleuchten einer Frau, die keine Erlaubnis mehr braucht, zu schaffen.
Und vielleicht ist das die neue Architektur weiblicher Führung: weniger Struktur, mehr Feld; weniger Anstrengung, mehr Ausrichtung.

So zu leben heißt nicht, Disziplin zu verlassen, sondern eine feinere zu verkörpern — die Disziplin des Zuhörens. Des Zulassens, dass das, was durch dich atmet, sichtbar wird, ohne Eingriff.

Als ich ein letztes Mal vor dem Bild stand, hatte sich das Nachmittagslicht verschoben. Das Violett war dunkler geworden, fast sturmfarben, und die purpurnen Ränder fingen den letzten Schimmer des Tages ein. Es fühlte sich an wie ein Abschluss, aber nicht wie ein Ende — eher wie das Ausklingen eines Atems, das keiner Erklärung bedarf.

Das Werk hatte aufgehört zu sprechen, doch etwas in mir hörte weiter zu.
Vielleicht setzt sich Kohärenz genau so fort — leise, durch jene, die eingestimmt bleiben.

Und vielleicht ist das der wahre Sinn dieses Orchards: eine lebendige Galerie solcher Momente, in denen Farbe, Führung und Macht gemeinsam atmen lernen.


Kunst: Ernestine Faux

Anmerkung der Künstlerin:
„KUNST ist Energie — vor allem.
Farbe ist für mich Emotion, die durch meine Arbeiten Gestalt annimmt — in Malerei, 3D-Objekten oder Skulptur. Jedes Feld, das ich male, ist Quelle, nicht Oberfläche: ein Portal aus Licht, verdichtet zur Materie.
Wie Wassily Kandinsky schrieb: ‚Farbe ist die Taste, das Auge der Hammer, die Seele das Klavier.‘
Wenn ich arbeite, beginnen diese Kräfte gemeinsam zu klingen — und wenn alles an seinen Platz fällt, wird es still. Dann weiß ich, dass das Bild vollendet ist.“


🌳 Orchard Letter · OL 8
Wenn dieser Letter etwas in dir bewegt hat, lade ich dich ein, im Orchard zu bleiben — einem Raum der Reflexion über Frauen, Macht und innere Führung.
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Über die Autorin
30 Jahre internationale Führungserfahrung — davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen — sowie 15 Jahre an der Seite von Frauen in hohen Verantwortungsräumen.
Renate Hechenberger öffnet Räume, in denen die innere Architektur sichtbar wird — eine Architektur, die Frauen in ihrer weiblichen Kraft verankert.

© 2025 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.
Bildquelle: Aus der Serie „Icons“ von Ernestine Faux — Bild mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

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