Über Nähe, Loyalität und das Ungesagte zwischen Frauen.
Was wir gerade erleben, ist kein bloßer Rückschritt.
Es ist eine Aufforderung, ernst zu machen mit Macht.
Ein Text über weibliche Führung, Loyalität, Binnenaggression – und die Frage, was passiert, wenn Autorität keinen Raum bekommt.
In vielen weiblich geprägten Räumen ist nicht zu wenig Macht.
Es gibt zu wenig Raum, in dem sie klar, offen und konfliktfähig gehalten werden kann.
Was dann entsteht, wird moralisch etikettiert: schwierig, verletzend, toxisch.
Doch diese Begriffe greifen zu kurz.
Sie benennen Symptome – und verdecken die Struktur dahinter.
Macht verschwindet nicht, wenn sie keinen legitimen Ausdruck findet.
Sie verändert nur ihre Form.
Und genau das erleben wir gerade – nicht nur in einzelnen Gruppen,
sondern gesellschaftlich.
Was hier mit „weiblich geprägten Räumen“ gemeint ist, braucht eine klare Einordnung.
Es geht dabei nicht um Frauen an sich.
Und auch nicht um Weiblichkeit als Qualität.
Gemeint sind Beziehungskulturen und soziale Räume, in denen Verhaltensnormen, Kommunikationsmuster und Machtlogiken stark aus weiblicher Sozialisation hervorgegangen sind – oder von ihr stabilisiert werden.
Solche Räume sind nicht zwingend reine Frauenräume.
Sie können gemischtgeschlechtlich sein.
Und sie finden sich in sehr unterschiedlichen Kontexten.
Entscheidend ist nicht, wer dort sitzt, sondern wie Macht organisiert wird.
Typisch für weiblich geprägte Räume ist, dass Beziehung oft Vorrang vor Position hat.
Dass Harmonie als Wert gilt.
Dass Konflikt schnell als persönlicher Bruch erlebt wird und nicht als legitimer Teil von Führung oder Entscheidungsfindung.
Macht wirkt dort selten offen.
Sie zeigt sich indirekt – über Nähe, Loyalität, Ausschluss, Stimmung.
Autorität wird häufig entschuldigt, moderiert oder verschleiert, statt klar benannt und getragen zu werden.
Diese Räume sind meist hochsensibel, aber wenig konfliktfähig.
Sie verfügen über feine Wahrnehmung für Zwischentöne, reagieren jedoch schnell auf Abweichungen mit Irritation, Moralisierung oder sozialer Sanktion.
Solche Beziehungskulturen finden sich unter anderem in Frauennetzwerken, sozialen Bewegungen, Bildungs- und Kulturbereichen, in Kommunikation, Beratung, HR, Therapie, NGOs, aber auch in Teilen von Politik, Medien und Führungssystemen,
wenn diese Logiken dort dominieren.
Das alles ist nicht per se problematisch.
Im Gegenteil: Diese Räume tragen oft wichtige Qualitäten wie Fürsorge, Verbundenheit und Verantwortungsgefühl.
Problematisch werden sie dort, wo Macht nicht offen gehalten werden darf, wo Autorität keinen legitimen Ausdruck findet und Konfliktfähigkeit durch Anpassung ersetzt wird.
Genau dort beginnt Macht, sich andere Wege zu suchen.
Ein Moment, der nicht zufällig ist
Viele Frauen haben in den letzten Jahrzehnten etwas errungen:
Handlungsspielräume. Entscheidungsmacht. Eigenständigkeit.
Unvollständig, umkämpft, oft teuer bezahlt – aber real.
Und genau deshalb fühlt sich das, was gerade geschieht, nicht nur wie ein Rückschritt an.
Es ist eine kalte Konfrontation mit der Erkenntnis, wie fragil selbst Errungenes geblieben ist.
Nichts daran ist gesichert.
Alles scheint wieder verhandelbar.
Nicht durch offenen Entzug.
Nicht durch formale Rücknahme von Rechten.
Sondern durch Narrative.
Rückzug wird romantisiert.
Abhängigkeit ästhetisiert.
Unterordnung als freie Wahl verkauft.
Was harmlos wirkt, ist politisch hochwirksam.
Denn Narrative wirken leise – und nachhaltig.
Das rechte Narrativ wirkt nicht nur von außen.
Es nutzt innere Bruchlinien unter Frauen.
Tradwives sind kein harmloser Trend
Das Tradwife-Narrativ ist kein harmloser Rückzug ins Private.
Und es ist keine nostalgische Spielerei.
Es ist eine politische Erzählung, die weibliche Autorität systematisch untergräbt.
Für viele Frauen in Europa – besonders im deutschsprachigen Raum – klingt sie erschreckend vertraut:
neu verpackte Bilder von Ordnung, Pflicht, „Natur“, Opfer als Tugend.
Diese Bilder kommen nicht zufällig aus rechten, autoritären Milieus.
Und sie richten sich nicht zufällig an Frauen.
Das ist keine neue Ästhetik.
Das ist historisch belastetes Material in modernem Gewand.
Was daran so wirksam ist:
Es kommt nicht als Zwang.
Es kommt als Wahl.
Denn Frauen sind keine Randgruppe der Politik.
Sie sind Mitgestalterinnen.
Und genau hier versagt der klassische feministische Reflex.
Empörung hilft nicht.
Endlose Argumente helfen nicht.
Moralische Überlegenheit hilft nicht.
Denn viele Frauen wollen diese Erzählung.
Nicht aus Dummheit.
Sondern aus Erschöpfung,
aus Überforderung durch permanente Selbstverantwortung,
aus der Sehnsucht nach klaren Rollen
und aus der Bereitschaft, Autorität wieder abzugeben.
Autoritäre Narrative versprechen Entlastung:
klare Rollen,
klare Schuldverteilung,
weniger Ambivalenz.
Und ja:
Es sind Frauen, die diese Parteien wählen.
Es sind Frauen, die diese Bilder teilen.
Es sind Frauen, die andere Frauen dafür angreifen.
Wer das ignoriert, verweigert Realität.
Macht ist nicht nur etwas, das man fordert.
Macht ist etwas, das man ausübt – auch an der Wahlurne.
Frauen helfen Frauen nicht – und das ist kein Zufall
Ein unangenehmer Satz.
Aber ein notwendiger.
Frauen helfen einander oft nicht.
Nicht im Beruf.
Nicht in Führungspositionen.
Nicht einmal dort, wo sie selbst längst oben sind.
Stattdessen:
- subtile Abwertung
- Konkurrenz über Aussehen, Alter, Auftreten
- Infragestellen von Kompetenz
- Loyalitätsentzug statt offener Konfrontation
Was landläufig als „Zickenkrieg“ abgetan wird, ist kein triviales Randphänomen.
Es ist eine systemische Form von Aggression, die dort entsteht, wo offene Machtauseinandersetzung sozial sanktioniert ist.
Wenn Frauen gelernt haben, dass Klarheit Beziehung kostet, wenn direkte Konkurrenz als unweiblich gilt und Autorität schnell als Arroganz gelesen wird,
dann sucht Aggression andere Wege.
Sie wird indirekt.
Dann geht es nicht um Argumente, sondern um Tonfall.
Nicht um Positionen, sondern um Aussehen.
Nicht um Entscheidungen, sondern um moralische Deutung.
Andere Frauen werden abgewertet, weil offene Konkurrenz tabu ist.
Kompetenz wird relativiert, weil Macht nicht offen beansprucht werden darf.
Diese Dynamiken ziehen sich durch alle Schichten:
- im privaten Umfeld
- in Organisationen
- in Vorständen
- in politischen Parteien
Je höher die Ebene, desto feiner die Waffen.
Und desto größer der Schaden.
Das ist keine individuelle Niedertracht.
Das ist das Ergebnis eines Systems, das weibliche Macht nicht klar trägt, sondern sie ständig sozial reguliert.
Wenn Autorität nicht offen gezeigt werden darf, verlagert sich Konkurrenz ins Persönliche.
Dann wird nicht um Position gerungen, sondern um Anerkennung, Nähe, Sichtbarkeit.
Das ist keine Bosheit.
Das ist ein struktureller Kurzschluss.
Warum das bis in die obersten Etagen reicht
Auch ganz oben gelten die gleichen Mechanismen – nur subtiler und professioneller codiert.
Dort wird nicht offen bekämpft, sondern über Reputation, über Ausschluss aus informellen Netzwerken, über Narrative wie „schwierig“, „nicht anschlussfähig“, „nicht tragfähig“.
Frauen in Machtpositionen bewegen sich dabei in einem engen Korridor.
Sie dürfen entscheiden – aber nicht zu sichtbar.
Sie dürfen führen – aber nicht zu eindeutig.
Sie dürfen Autorität ausüben – aber nicht ohne soziale Abfederung.
Jede Abweichung wird registriert.
Nicht als sachliche Differenz, sondern als Charakterfrage.
Was daraus entsteht, ist Vorsicht.
Und Vorsicht ist ein schlechter Nährboden für Solidarität.
Nicht, weil Frauen unfähig wären, einander zu unterstützen.
Sondern weil sie gelernt haben, dass Macht für Frauen noch immer als begrenzte Ressource behandelt wird.
Harmonie ersetzt keine Haltung
Harmonie gilt in vielen weiblichen Kontexten als Wert an sich.
Als Zeichen von Reife, Bewusstsein, Verbundenheit.
Doch Harmonie kann auch ein Kontrollinstrument sein, denn wo Harmonie wichtiger wird als Wahrheit, entsteht ein stilles Regime.
Klarheit gilt als Aggression.
Grenzen als Egoismus.
Konflikt als persönliches Versagen.
So wird Anpassung belohnt und Autorität unterdrückt.
Loyalität als unsichtbare Machtform
„Wir halten doch zusammen.“
Ein Satz, der Nähe verspricht und Differenz unmöglich macht.
Loyalität wird nicht eingefordert – sie wird vorausgesetzt.
Wer widerspricht, stört.
Wer sich entzieht, wird markiert.
Wer klar entscheidet, riskiert Ausschluss.
So wird Beziehung zur Machtform.
Der Kern: ungehaltene Autorität
Was hier wirkt, ist kein individuelles Fehlverhalten.
Und kein Beweis für „toxische Weiblichkeit“.
Es ist ungehaltene Autorität.
Autorität, die sich entschuldigt, bevor sie ausgesprochen wird.
Macht, die sich tarnt, statt klar zu stehen.
Wo Autorität keinen Raum hat, organisiert sie sich indirekt.
Über Nähe.
Über Moral.
Über Rückzug oder Angriff.
Weibliche Sozialisation ist nicht weibliche Führung
Viele Frauen haben gelernt, Beziehung zu sichern, bevor sie Position beziehen.
Nicht aus Schwäche.
Sondern aus Überlebensintelligenz.
Doch Führung verlangt etwas anderes.
Sie verlangt:
- Konfliktfähigkeit statt Konsenssucht
- Klarheit statt Gefallenwollen
- Verantwortung statt moralischer Absicherung
- Grenzen statt Verschmelzung
- Position statt indirekter Einflussnahme
Das ist kein Persönlichkeitsseminar.
Das ist Machtarbeit.
Was wir jetzt konkret tun können
Es braucht keine neue Bewegung.
Und kein neues Manifest.
Was es braucht, ist alltägliche Machtklarheit.
Das meint beides:
Persönlichkeitsarbeit und Machtarbeit im Alltag.
Nicht als Bewegung.
Nicht als Manifest.
Sondern im konkreten Handeln in Machtkontexten.
Ganz konkret:
- Konflikte strukturell benennen
Nicht: „Sie ist schwierig.“
Sondern: „Hier prallen Interessen oder Positionen aufeinander.“ - Andere Frauen nicht über Nähe kontrollieren
Loyalität ist eine Wahl, keine moralische Pflicht. - Keine Bewertungen über Erscheinung, Stil oder Ton
Das ist die älteste und wirksamste Entmachtungstechnik unter Frauen. - Entscheidungen offen vertreten
Nicht erklären.
Nicht absichern.
Nicht emotional entschuldigen. - Andere Frauen nicht „schützen“, indem man schweigt
Schweigen stabilisiert Systeme, nicht Menschen. - Eigene Autorität nicht delegieren
Weder an Männer.
Noch an Gruppen.
Noch an Narrative.
Was hier wirklich auf dem Spiel steht
Es geht nicht darum, was Frauen wollen.
Das wissen wir längst.
Es geht darum, ob Frauen bereit sind, die Macht, die sie haben, auch zu halten.
Nicht zu romantisieren.
Nicht zu entschuldigen.
Nicht wieder abzugeben, wenn es anstrengend wird.
Vielleicht erleben wir gerade keinen Rückschritt.
Sondern eine Aufforderung.
Einen Test, wie ernst es uns wirklich ist mit unserer Macht jenseits von Haltung, Sprache und Wunschbildern.
Ob weibliche Führung über Wunschbilder hinausgewachsen ist.
Ob sie Konflikt aushält.
Differenz trägt.
Und Autorität nicht länger tarnt.
Denn Macht, die keinen Raum bekommt,
verschwindet nicht.
Sie richtet Schaden an –
an Beziehungen,
an Führung,
an gesellschaftlicher Substanz.
🌳 Orchard Letter · OL 17
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Über die Autorin
30 Jahre internationale Führungserfahrung — davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen — sowie 15 Jahre an der Seite von Frauen in hohen Verantwortungsräumen.
Renate Hechenberger öffnet Räume, in denen die innere Architektur sichtbar wird — eine Architektur, die Frauen in ihrer weiblichen Kraft verankert.
© 2026 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.
Bildquelle: Canva AI

