Muss ich wirklich alles fühlen?

Muss ich wirklich alles fühlen?

Ein früher Text über Gefühle, Widerstand und innere Integration

Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Er bleibt hier bewusst sichtbar – als Teil des Weges, aus dem meine heutige Ausrichtung entstanden ist.


Gefühle sind real.
Gefühle sind vollständig.
Gefühle brauchen keine Rechtfertigung.

Und doch sind sie nicht immer leicht zu spüren, auszuhalten oder zu integrieren. Viele Menschen haben Angst vor sogenannten „negativen Gefühlen“ wie Versagensangst, Trauer, Ablehnung, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schuld, Wut, Zorn – und insbesondere vor Scham und Selbsthass. Um diese Gefühle nicht spüren zu müssen, versucht die innere Wächterstruktur oft ein Leben lang, Emotionen zu kontrollieren oder gar nicht erst entstehen zu lassen.

Doch je stärker der innere Wächter kontrolliert, desto größer wird die Ohnmacht. Es entsteht innerer Widerstand – ein Widerstand gegen das, was ist.
Nicht das Gefühl selbst tut weh, sondern der Widerstand gegen das Gefühl.

Könnte ein Gefühl einfach da sein, ohne sofort bewertet, analysiert oder „aufgelöst“ zu werden, wäre Integration möglich. Doch viele Menschen wissen nicht, wie das geht. So bleiben sie im Widerstand gefangen. Es wirkt manchmal, als wären sie innerlich von immer engeren Schutzstrukturen umgeben.

Vielleicht meldet sich an dieser Stelle der Gedanke:
„Ich muss meine Gefühle doch kontrollieren – sonst wäre das katastrophal.“

Doch wer in dir ist so überzeugt davon?

Denn oft geschieht genau das Gegenteil:
Die Gefühle, vor denen wir Angst haben, beginnen unser Leben zu bestimmen. Sie engen Verhalten ein, beeinflussen Entscheidungen und rauben Freiheit. Unterdrückung führt nicht zu Stabilität, sondern zu innerer Erstarrung.

Was es braucht, ist Mut – und Übung.
Mit der Zeit kann gelernt werden, auch unangenehmen Emotionen Raum zu geben. Der enorme Energieaufwand, Gefühle zu vermeiden, fällt weg. Handeln wird bewusster, das innere Erleben ruhiger, der eigene Lebensfluss spürbarer – manchmal zum ersten Mal.

Unterdrückte Gefühle ziehen Situationen an

Viele Menschen kennen das Phänomen sich wiederholender Situationen. Unterdrückte Gefühle wirken wie Magnete. Solange ein Gefühl nicht bewusst wahrgenommen wird, sendet es eine innere Frequenz aus, die passende Erfahrungen anzieht.

Ist das unterdrückte Gefühl beispielsweise Scham oder Wertlosigkeit, kann es geschehen, dass man immer wieder Menschen begegnet, die genau diese Empfindungen auslösen – etwa durch Abwertung, Untreue oder subtile Entwürdigung.

In solchen Momenten tritt häufig eine innere Erstarrung auf:

  • Worte fehlen.

  • Abgrenzung gelingt nicht.

  • Man fühlt sich ausgeliefert.

  • Teile der Situation bleiben später sogar erinnerungslos.

Im Nachhinein entsteht oft Selbstverurteilung: „Warum habe ich nichts gesagt?“
Doch dieses Muster ist nicht durch Verstand oder Disziplin zu verändern. Es verändert sich nur dort, wo das unterdrückte Gefühl selbst wahrgenommen werden kann.

In der Annahme geschieht Veränderung

Gefühle sind Macht – gegen uns oder für uns.
Die Entscheidung liegt bei uns.

Das Leben bietet immer wieder Gelegenheiten, unterdrückte Emotionen bewusst wahrzunehmen. Bleiben sie unbeachtet, werden die Situationen meist intensiver. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil etwas gesehen werden will.

Um an unterdrückte Gefühle heranzukommen, sind innere Bilder oft hilfreich. In einem Zustand der Entspannung enthält ein inneres Bild bereits alle relevanten Informationen:

  • das Gefühl

  • die Körperempfindung

  • Gedanken und Erinnerungen

  • Impulse und Handlungsimpulse

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen innerer und äußerer Erfahrung. Neue innere Erfahrungen verändern neuronale Bahnen – und damit Verhalten. Reine gedankliche Umdeutungen reichen dafür meist nicht aus.

Begleitung und Präsenz

Wenn eine Klientin mit körperlichen Beschwerden oder sich wiederholenden Beziehungsmustern in meine Begleitung kam, richteten wir den Blick nach innen. Ziel war es, das Gefühl zu finden, das hinter dem Symptom oder der Situation verborgen lag.

Oft zeigte sich Ohnmacht oder Erstarrung – Zustände, die schwer auszuhalten sind. Genau hier war es entscheidend, nicht vorschnell aus dem Erleben herauszuführen, sondern präsent zu bleiben.
Vorausgesetzt, die begleitende Person kann selbst mit Ohnmacht und Erstarrung umgehen, entsteht ein Resonanzraum, in dem das Gefühl zugelassen werden kann.

Mit der Zeit verändert sich das innere Bild von selbst. Erstarrung löst sich, Ohnmacht wandelt sich – etwa in Selbstschutz oder Hingabe. Schritt für Schritt wird Integration möglich.

Wenn sich Muster lösen

Sind Erstarrung und Ohnmacht bewusst geworden, können sich weitere Gefühle zeigen: Hilflosigkeit, Schuld, Ekel – manchmal auch Scham oder Selbsthass. Besonders Menschen, die sich früh unerwünscht oder abgelehnt fühlten, tragen solche Gefühle oft tief in sich.

Werden diese Empfindungen bewusst wahrgenommen, beginnt sich etwas zu verändern. Selbstakzeptanz wächst, Selbstwert stabilisiert sich. Auch das Feedback aus dem Umfeld verändert sich – nicht durch Anstrengung, sondern durch innere Klarheit.

Der Drang, Gefühle zu kontrollieren, lässt nach. Handlungsfähigkeit wächst. Einengende Verhaltensmuster beginnen sich aufzulösen. In manchen Fällen lindern sich sogar körperliche Symptome.

Ein innerer Lernweg

Focusing war in dieser Phase meiner Arbeit eine wertvolle Unterstützung. Diese Methode verbindet Denken und Fühlen, indem die Aufmerksamkeit auf das körperlich spürbare Unklare gerichtet wird – dort, wo Worte noch fehlen. Begründer ist Eugene T. Gendlin.

Der Weg, Gefühle kennenzulernen und zu integrieren, erfordert Geduld. Geduld ist jedoch eine Qualität, die in einer beschleunigten Welt wenig Raum bekommt. Und doch ist sie grundlegend für innere Reifung.

Der Anfang liegt immer bei sich selbst:
sich anzunehmen, mit allem, was gerade da ist.
Denn nur ein innerlich tragfähiges Herz kann auch andere halten.


Einordnung aus heutiger Sicht (2025)

Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit, in der das bewusste Fühlen und die Integration unterdrückter Emotionen im Mittelpunkt standen.

Heute arbeite ich nicht mehr primär über intensive Gefühlsprozesse, sondern mit der inneren Führung und Struktur, die es überhaupt erst ermöglicht, Gefühle zu halten, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Was geblieben ist, ist die zentrale Erkenntnis:
Nicht jedes Gefühl muss durchlebt werden – aber jedes Gefühl braucht einen inneren Ort, an dem es getragen werden kann.

Genau dort beginnt heute meine Arbeit.


© 03/2017 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.
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Warum spirituelles Erwachen allein nicht trägt

Warum spirituelles Erwachen allein nicht trägt

Ein früher Text über spirituelle Orientierung, Suchbewegungen und die oft unterschätzte Frage nach Reife.
Er bleibt hier bewusst sichtbar – als Teil des Weges, aus dem meine heutige Ausrichtung entstanden ist.


Viele Menschen, die sich vor einigen Jahren auf einen spirituellen Weg gemacht haben, waren stark vom Begriff der Erleuchtung angezogen.
Heute wirkt dieses Wort für viele sperrig oder überholt. Stattdessen wird lieber von Erwachen oder Aufwachen gesprochen – bodenständiger, weniger „esoterisch“, weniger erklärungsbedürftig.

Was dabei oft übersehen wird:
Der Begriff mag sich ändern – die Verwirrung bleibt.

Denn egal, welches Wort verwendet wird:
Viele glauben, dass mit dem Aufwachen bereits etwas abgeschlossen sei.

Genau hier beginnt das Missverständnis.

Aufwachen ist ein Anfang – kein Abschluss

Aufwachen bezeichnet eine erste, oft tief berührende Erfahrung:
das Erkennen, dass das bisherige Leben nicht das Ganze ist.
Dass hinter Rollen, Anpassungen, Überlebensmustern etwas Tieferes ruft.

Diese Phase ist für viele intensiv, bewegend, manchmal überwältigend.
Man liest viel, probiert aus, entdeckt neue Perspektiven, neue Welten.
Engel, frühere Leben, Energiearbeit, Rituale, Methoden, Lehrerinnen, Lehrer.
Es fühlt sich an wie ein Heimkommen zu etwas lange Verdrängtem.

Diese Zeit ist nicht falsch.
Im Gegenteil: Sie ist oft notwendig.

Aber sie ist nicht das Ziel.

Die erste echte Prüfung

Irgendwann beginnt sich etwas zu verändern.
Die anfängliche Euphorie trägt nicht mehr.
Das Umfeld reagiert skeptisch, besorgt oder ablehnend.
Partner, Familie, Kolleg:innen beginnen Fragen zu stellen.

Und oft zeigt sich etwas Entscheidendes:
Nicht nur im Außen gibt es Widerstand – auch im Inneren.

Ein Teil will weitergehen.
Ein anderer will zurück in Sicherheit, Anpassung, Normalität.

Diese innere Spaltung ist kein Fehler.
Sie ist ein Hinweis.

Spätestens hier zeigt sich, ob es wirklich um Bewusstseinsentwicklung geht –
oder nur um Sinnsuche ohne Erdung.

Viele brechen an dieser Stelle ab.
Nicht, weil sie „zu schwach“ wären, sondern weil niemand ihnen erklärt hat,
dass diese Phase dazugehört.

Warum Aufwachen allein nicht trägt

Aufwachen konfrontiert uns nicht nur mit Weite, sondern auch mit Angst.
Mit Kontrollverlust.
Mit alten inneren Konflikten.

Viele möchten „loslassen“, doch der Körper ist angespannt, der Atem blockiert, das Nervensystem überfordert.

Der Wunsch nach Hingabe kollidiert mit der Angst, den inneren Halt zu verlieren.

Hier wird oft behauptet, man müsse „nichts tun“.
Dass Erwachen einfach geschieht, wenn man nur genügend loslasse.

Das ist eine gefährliche Verkürzung.

Denn ohne innere Arbeit, ohne emotionale und körperliche Integration bleibt das Aufwachen ein Konzept – oder ein Wunsch.

Bewusstsein braucht Reife

Echte Bewusstseinsentwicklung ist kein mentaler Akt.
Sie ist ein verkörperter Prozess.

Alte Bindungen, ungelöste Konflikte, frühe Prägungen –
sie lösen sich nicht durch Einsicht allein.

Es braucht die Fähigkeit,
Angst zu fühlen, ohne zu fliehen.
Widerstand wahrzunehmen, ohne ihn zu bekämpfen.
Spannung zu halten, ohne sich zu verhärten.

Erst dann wird Loslassen möglich.

Deshalb ist für viele Menschen eine Verbindung aus spirituellem Weg
und psychologischer Integration notwendig.
Nicht als Abkürzung – sondern als Fundament.

Mensch bleiben

Ein häufiges Missverständnis:
„Wenn ich erwacht bin, habe ich keine Emotionen mehr.“

Das Gegenteil ist der Fall.

Erwachen bedeutet nicht, keine Angst, keine Wut, keine Trauer mehr zu kennen.
Es bedeutet, nicht mehr von ihnen gesteuert zu werden.

Auch ein bewusster Mensch lebt ein menschliches Leben:
mit Müdigkeit, Konflikten, Verantwortung, Beziehungen, Grenzen.

Spiritualität, die das ignoriert, führt nicht in Freiheit,
sondern in Abspaltung.

Reife zeigt sich im Alltag

Die eigentlichen Pionier:innen des Bewusstseins sind für mich nicht jene,
die große Worte benutzen oder ideale Zustände beschreiben.

Es sind jene, die:

  • Beziehungen bewusst führen

  • Verantwortung tragen

  • Konflikte nicht vermeiden

  • sich verletzlich zeigen

  • im Alltag präsent bleiben

Bewusstsein zeigt sich nicht auf Rückzugsebene,
sondern im gelebten Leben.


Einordnung aus heutiger Sicht

Dieser Text entstand in einer Phase,
in der ich Orientierung in einem überladenen spirituellen Feld suchte
und Unterschiede sichtbar machen wollte, die oft vermischt wurden.

Heute arbeite ich nicht mehr an Begriffen wie Erwachen oder Erleuchtung.
Mich interessiert nicht das Versprechen eines Zustands,
sondern die innere Architektur, aus der Menschen leben, entscheiden und führen.

Bewusstsein ohne Reife trägt nicht.
Erkenntnis ohne Integration bleibt fragil.

Meine heutige Arbeit setzt genau dort an:
bei Präsenz, innerer Stabilität und der Fähigkeit,
Macht, Beziehung und Verantwortung bewusst zu halten.


© 09/2015 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.
Überarbeitet und neu eingeordnet 2025.

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Loslassen ist kein Befehl

Loslassen ist kein Befehl

Ein früher Text über spirituelle Abkürzungen, Dissoziation – und die unbequeme Wahrheit von innerer Arbeit.
Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Ich lasse ihn bewusst sichtbar, weil viele der beschriebenen Dynamiken bis heute wirksam sind.


„Lass alles los.
Auch die Schatten.
Ignoriere Störfelder.
Konzentriere dich auf Licht und Liebe.
Was bleibt, wenn du alles losgelassen hast?
Nur Gott.“

Solche Ratschläge begegnen mir seit Jahren – früher in spirituellen Seminaren, später auf Blogs und in sozialen Medien.
Sie klingen ruhig. Erhaben. Erlöst.
Und sie sind hochproblematisch.

Denn was hier als spirituelle Weisheit verkauft wird, ist in Wahrheit oft nichts anderes als Dissoziation mit Lichtfilter.

Loslassen wird zur moralischen Pflicht erklärt.
Fühlen zur Schwäche.
Tiefe innere Arbeit zur unnötigen Umwegschleife.

Und genau das hinterlässt Menschen verwirrt, beschämt – und alleine mit ihrem Schmerz.

Die unbequeme Wahrheit

Echte Veränderung braucht Zeit.
Und sie braucht Kontakt.

Innere Wunden, Prägungen, frühe Bindungserfahrungen oder chronische Überforderungen lösen sich nicht durch mentale Anweisungen auf.
Nicht durch positives Denken.
Nicht durch spirituelle Konzepte.

Was nicht gefühlt werden durfte, kann nicht einfach „gehen“.
Was nie gesehen wurde, lässt sich nicht wegatmen.
Und was innerlich gebunden ist, folgt keinem Befehl.

Loslassen ist kein Startpunkt.
Es ist ein Ergebnis.

Was stattdessen geschieht

Viele Menschen versuchen, sich „über“ ihre Themen hinwegzubewegen.
Sie ersetzen Auseinandersetzung durch Ideologie.
Tiefe durch Begriffe.
Integration durch Hoffnung.

Das wirkt – kurzfristig.

Doch was verdrängt wird, bleibt aktiv.
Es taucht in Beziehungen auf.
Im Körper.
In Erschöpfung, Reizbarkeit, Rückzug oder Überanpassung.

Und irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts mehr „funktioniert“.
Nicht die Meditation.
Nicht das Denken.
Nicht das spirituelle Narrativ.

Dann wird klar:
Der Weg führt nicht nach oben – sondern nach innen.

Loslassen braucht Annahme

Etwas kann sich erst lösen, wenn es vollständig da sein darf.
Ohne Bewertung.
Ohne Beschleunigung.
Ohne spirituellen Anspruch.

Solange innere Resonanzen bestehen, bleibt Verbindung.
Solange Emotionen gebunden sind, bleibt Spannung.
Solange Anteile nicht integriert sind, bleibt Bewegung blockiert.

Loslassen geschieht nicht durch Ignorieren,
sondern durch vollständiges Durchfühlen, Verstehen und Verkörpern.

Das ist kein schneller Weg.
Aber ein ehrlicher.

Wer wählt eigentlich?

„Was wir fokussieren, wird unsere Realität.“
Ein beliebter Satz.

Doch wer in uns fokussiert?

Nicht alle inneren Ebenen wollen dasselbe.
Nicht alle Anteile tragen dieselbe Wahrheit.
Nicht jede Entscheidung entsteht aus Freiheit.

Mentales Wissen allein reicht nicht aus, wenn innere Loyalitäten, Schutzmechanismen oder alte Bindungen dagegen arbeiten.

Erst wenn innere Kohärenz entsteht, wird Wahl möglich.

Eine persönliche Rückschau

Ich habe viele Wege gesehen.
Viele Konzepte geprüft.
Viele Versprechen gehört.

Und ich habe erfahren, wie leicht man sich verirrt, wenn man versucht, sich selbst zu überspringen.
Wie schnell Spiritualität zur Vermeidung wird.
Und wie heilsam es ist, irgendwann aufzuhören, sich außerhalb von sich selbst zu orientieren.

Was mich weitergebracht hat, war nicht das nächste Modell.
Sondern Integration.
Ehrlichkeit.
Und die Bereitschaft, mich dem zuzuwenden, was ich lieber losgeworden wäre.

Heute

Aus heutiger Sicht weiß ich:

Loslassen ist kein Ziel.
Es ist ein Nebenprodukt von Reife.

Es geschieht dort, wo nichts mehr abgespalten werden muss.
Wo Gefühl, Körper, Denken und Präsenz wieder zusammenfinden.
Wo innere Wahrheit nicht mehr bekämpft wird.

Und genau dort beginnt eine Form von Freiheit,
die nicht behauptet werden muss.


Brücke zu heute

Dieser Text markiert einen Punkt auf meinem Weg, an dem Klarheit wichtiger wurde als spirituelle Zugehörigkeit.
Heute arbeite ich nicht mit Abkürzungen, sondern mit innerer Struktur.
Nicht mit Idealen, sondern mit Verkörperung.

Loslassen geschieht nicht, weil wir es wollen – sondern weil etwas in uns endlich gehalten werden kann.


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Überarbeitet und neu eingeordnet 2025.
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Energetische Gemüsesuppen & spirituelle Irrwege

Energetische Gemüsesuppen & spirituelle Irrwege

Ein früher Text aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Ich lasse ihn bewusst sichtbar, weil viele der beschriebenen Dynamiken bis heute wirksam sind.


Über spirituelle Überforderung, falsches Loslassen und die Notwendigkeit von Integration

Es ist – zugegeben – eines meiner Lieblingsthemen.

Immer mehr Menschen kommen heute mit einer ganz eigenen Form von Erschöpfung in Berührung:
Nicht, weil sie zu wenig an sich gearbeitet hätten, sondern weil sie sich in zu vielem verloren haben.

Viele berichten, dass ihre sogenannte spirituelle Praxis sie nicht freier, sondern verwirrter gemacht hat.
Dass sie nach Jahren von Übungen, Kursen, Videos, Channelings und Methoden schlechter mit ihrem Leben zurechtkommen als zuvor.

Das ist kein Randphänomen.
Und es ist auch kein persönliches Versagen.

Spirituelle Enttäuschung tut tief weh

Wer sich mit offenem Herzen auf spirituelle Versprechen eingelassen hat – auf Heilung, Aufstieg, Erlösung, Licht und Liebe – und dann feststellen muss, dass die eigenen Wunden geblieben sind, erlebt etwas sehr Tiefes: spirituelle Enttäuschung.

Diese Form der Enttäuschung geht tiefer als viele andere.
Sie fühlt sich an wie Verrat.
Wie ein erneutes Fallenlassen genau dort, wo man gehofft hatte, endlich gehalten zu sein.

Dass manche Menschen in dieser Situation in dogmatische, religiöse oder ideologische Gegenbewegungen kippen, ist psychologisch verständlich – aber keine Lösung.
Der Rückzug in starre Wahrheiten heilt keine verletzte Seele.

Was wir hier beobachten, ist kein „Internetphänomen“, sondern ein Übergangsschmerz:
Der Abschied von naiven spirituellen Erzählungen – ohne dass bereits tragfähige innere Strukturen vorhanden sind.

Das Problem ist nicht Spiritualität – sondern Beliebigkeit

Was vielen Menschen heute fehlt, ist Integration.

Ein spiritueller Weg, der hauptsächlich aus Videos, Zitaten, Übungen und ständig wechselnden Lehren besteht, überfordert das innere System.
Nicht jede Übung ist für jede Person geeignet.
Nicht jede Praxis passt zu jeder Lebensphase.

Erfahrung ohne Integration führt nicht zu Reifung, sondern zu Instabilität.

Matthias – dessen Text ich hier bewusst zitiere – bringt es auf den Punkt:
Erlebnis und Wandlung sind nicht dasselbe.

Man kann außergewöhnliche Erfahrungen haben und innerlich unverändert bleiben.
Und man kann sich still, unspektakulär und nachhaltig verändern – ohne große Erlebnisse.

Erde zuerst. Immer.

Ein zentraler Irrtum vieler spiritueller Strömungen besteht darin, das Menschsein überspringen zu wollen.
„Wir sind doch spirituelle Wesen“ wird dann zur Ausrede, sich nicht mit Depression, Beziehungskonflikten, Scham, Wut oder Bindungsthemen auseinanderzusetzen.

Doch genau hier liegt die Aufgabe:
Bewohner beider Welten zu werden.

Nicht Flucht ins Licht.
Nicht Dissoziation vom Schmerz.
Sondern Verkörperung.

Traditionelle Schulen wussten das.
Sie begannen mit Alltag, Disziplin, Erdung, Beziehung, Verantwortung – nicht mit kosmischen Visionen.

Loslassen ist kein Befehl

Ein besonders hartnäckiger Irrtum ist die Vorstellung, man könne innere Themen einfach „loslassen“.

Loslassen ist kein mentaler Akt.
Es ist das Resultat eines vollständigen inneren Prozesses.

Was nicht gefühlt, anerkannt und integriert wurde, kann nicht gehen.
Schatten sind immer mit Schmerz verbunden.
Und Schmerz verschwindet nicht durch Ignorieren.

Wer glaubt, Loslassen bedeute Wegdenken, Wegatmen oder spirituelles Überstrahlen, übt meist unbewusst Dissoziation – nicht Befreiung.

Worum es wirklich geht

Wir leben in einer Zeit der Überangebote:
Spiritualität, Psychologie, Coaching, Non-Dualität, Manifestation, Heilung, Erwachen – alles gleichzeitig, alles verfügbar, alles vermischbar.

Das Ergebnis ist oft innere Unschärfe.

Was jetzt gebraucht wird, ist etwas Unpopuläres:

  • Ehrlichkeit

  • Geduld

  • Begleitung

  • und die Bereitschaft, Persönlichkeit und Bewusstsein gleichzeitig zu entwickeln

Innere Arbeit ist selten glamourös.
Sie ist kleinteilig, unbequem, manchmal langweilig – und zutiefst wirksam.

Glück, Frieden und Weite entstehen nicht durch Abkürzungen.
Sie sind Nebenprodukte einer gereiften inneren Struktur.


Einordnung aus heutiger Sicht

Heute würde ich diesen Text kürzer, ruhiger und weniger polemisch schreiben.
Aber ich würde nichts Wesentliches davon zurücknehmen.

Was sich verändert hat, ist mein Fokus:
Nicht mehr Warnung vor spirituellen Irrwegen –
sondern Einladung zu innerer Integration.

Weibliche Führung, innere Autorität und echte Präsenz entstehen dort,
wo Spiritualität nicht kompensiert, sondern verkörpert wird.

Nicht durch mehr Konzepte.
Sondern durch das Aushalten der eigenen Tiefe.


© 8 /2015 Renate Hechenberger. Alle Rechte Vorbehalten.
Überarbeitet und neu eingeordnet 2025.
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Strauss Yoga

Strauss Yoga

Ein früher Text aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Ich lasse ihn bewusst sichtbar, weil viele der beschriebenen Dynamiken bis heute wirksam sind.


Warum spirituelle Verdrängung kein Erwachen ist

Manchmal zwingt uns das Leben in eine radikale Reduktion.
Krankenhaus tut das sehr zuverlässig.

Zwischen Bett und Bad schrumpft die Welt auf das Wesentliche – und genau dort tauchen oft die klarsten Gedanken auf.

So ging es mir auch.

In dieser Zeit entstand – halb aus Frustration, halb aus Humor – eine Übung, die ich Strauss-Yoga nannte.

Die geheime Übung

Setz dich bequem hin.
Atme ein paar Mal tief ein und aus.

Dann stell dir Folgendes vor:

Du stehst auf lockerem Untergrund.
Beugst dich langsam nach vorne.
Und beginnst, deinen Kopf tief in den Boden zu graben.

Nicht hastig.
Mit Hingabe.

Je tiefer der Kopf verschwindet, desto besser.
Der Körper bleibt sichtbar.
Der Blick auf die Realität: ausgeschlossen.

Der Effekt ist erstaunlich zuverlässig.

Man sieht nichts mehr.
Man fühlt weniger.
Und man hofft inständig, dass sich alles „von selbst regelt“.

Willkommen im Strauss-Yoga.

Das große Leugnen

Diese Haltung begegnet mir seit Jahren – in Politik, Wirtschaft, Spiritualität, persönlicher Entwicklung.

Wir wissen längst, dass etwas nicht stimmt.
Mit unseren Systemen.
Mit unserem Umgang mit Macht.
Mit unserem Verhältnis zur Erde.
Mit uns selbst.

Und doch:

Wir posten.
Wir schimpfen.
Wir hoffen auf Rettung von außen.
Wir reden von Licht und Liebe – und vermeiden Handlung.

Das ist keine Bosheit.
Das ist Überforderung.

Leugnen ist eine Schutzreaktion.

Aber sie ist gefährlich.

Spiritualität als Umgehung

Ein Teil der spirituellen Szene hat sich daran gewöhnt, Unangenehmes zu transzendieren, statt es zu integrieren.

Krise wird „niedrig schwingend“ genannt.
Angst wird wegmeditiert.
Verantwortung energetisiert.

Doch Transzendenz ohne Verkörperung ist keine Lösung.

Sie ist eine elegante Form des Wegschauens.

Der Wendepunkt

Der Moment, in dem wir aufhören zu leugnen, ist selten bequem.

Aber er öffnet etwas Neues:

Einen inneren Raum, der groß genug ist für Angst, Verantwortung und Handlung.

Nicht aus Moral.
Nicht aus Schuld.
Sondern aus Präsenz.

Was heute daraus geworden ist

Dieser Text entstand aus Wut, Humor und Ohnmacht.
Heute arbeite ich präziser.

Ich arbeite nicht mehr gegen Leugnung.
Ich arbeite mit der inneren Struktur, die Leugnung überhaupt erst notwendig macht.

Denn wer innerlich stabil ist, muss den Kopf nicht mehr in den Sand stecken.


Klare Brücke zu heute

Heute arbeite ich nicht mehr an Appellen oder Haltungen.
Ich arbeite an der inneren Architektur, die es ermöglicht, hinzusehen, ohne zu zerbrechen.

Strauss-Yoga ist kein moralisches Versagen.
Es ist ein Zeichen fehlender innerer Tragfähigkeit.

Genau dort setzt meine heutige Arbeit an.


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Fotocredit: © Fotolia_65599530_S

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