Warum innerer Rückzug aus Politik keine neutrale Position ist
43,8 Prozent.
Fast jede zweite abgegebene Zweitstimme ging bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an die AfD. Die Partei gewann 38 von 41 Direktmandaten und stellt 39 der 83 Abgeordneten. Die absolute Mehrheit hat sie nur knapp verfehlt.
Ich bin bestürzt über dieses Ergebnis. Und ich bin wütend, traurig und enttäuscht.
Wütend auf eine Partei, die einfache Antworten auf komplexe Probleme gibt und gesellschaftliche Verunsicherung in Ausgrenzung, Kontrolle und ein rückwärtsgewandtes Weltbild übersetzt.
Traurig und enttäuscht darüber, dass so viele Menschen darin offenbar eine Lösung sehen.
Diese Wahl lässt sich nicht mit geringer Beteiligung erklären. Rund 76,5 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. So viele wie nie zuvor bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Dieses Ergebnis entstand nicht, weil die Menschen mehrheitlich zu Hause blieben.
Es wurde gewählt.
Bewusst. Mit einer Stimme, die politische Macht ausübt.
Eine Wahlstimme ist Macht
Ich selbst habe viele Jahre nicht gewählt.
Einen Teil dieser Jahre lebte ich außerhalb Europas. Aber das erklärt nicht alles. Politik in Europa interessierte mich wenig. Oder genauer gesagt: Ich ärgerte mich über sie, fühlte mich von keiner Partei wirklich vertreten und wollte mit diesem ganzen Feld möglichst wenig zu tun haben.
Irgendwann fragte mich der Mann meiner Freundin, wen ich wähle.
„Niemanden“, sagte ich.
Daraufhin hielt er mir einen ausführlichen Vortrag darüber, was es politisch bedeutet, nicht zu wählen. An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. An seine Kernbotschaft schon:
Wenn du deine Stimme nicht einsetzt, entscheiden andere für dich.
Meine Stimme wurde natürlich keiner bestimmten Partei zugeschlagen. Aber sie fehlte dort, wo über die Mehrheitsverhältnisse entschieden wurde. Ich hatte mich nicht außerhalb des politischen Systems gestellt. Ich hatte nur meinen eigenen Anteil an seiner Gestaltung abgegeben.
Der Gedanke war unangenehm.
Denn ich hatte meinen Rückzug vermutlich für eine Form von Unabhängigkeit gehalten. Ich wollte mich mit keiner der angebotenen Möglichkeiten identifizieren. Ich wollte keine Entscheidung unterstützen, die mir nicht vollständig entsprach.
Doch meine Distanz änderte nichts daran, dass politische Entscheidungen auch mein Leben bestimmten.
Wir können uns einer politischen Ordnung innerlich verweigern. Entscheiden wird sie trotzdem über uns.
Der Rückzug hält uns nicht sauber
Politik bietet selten Lösungen ohne Widersprüche.
Sie besteht aus Interessen, Kompromissen, Machtkämpfen und Entscheidungen, deren Folgen niemand vollständig kontrollieren kann. Vieles daran ist schwer erträglich. Manches ist tatsächlich taktisch, korrupt oder verlogen.
Viele Frauen wollen mit dieser Form von Macht nichts zu tun haben.
Wir kritisieren ihre Härte, ihre Eitelkeit, ihre aggressiven Rituale und die Bereitschaft, für Einfluss Dinge in Kauf zu nehmen, die wir selbst nicht vertreten wollen. Wir wollen uns daran nicht beteiligen.
Ich kenne diese Reaktion. Auch in mir selbst.
Der Rückzug kann sich integer anfühlen. Er kann aber auch zu einer Form der Machtabgabe werden, die wir kaum bemerken.
Denn während wir uns innerlich distanzieren, bleiben die politischen Räume nicht leer. Andere betreten sie. Andere organisieren Mehrheiten. Andere bestimmen, welche Interessen Gehör finden und welche Lebenswirklichkeiten als schützenswert gelten.
Wer sich zurückzieht, verhindert keine Machtausübung.
Er überlässt sie anderen.
Das gilt nicht nur für politische Ämter, Parteimitgliedschaften oder Kandidaturen. Es beginnt bei der eigenen Stimme.
Eine Wahlstimme ist ein kleiner Anteil an formaler Macht. Aber sie ist real. Sie entscheidet mit darüber, wer Gesetze beschließt, Budgets verteilt, Schulen gestaltet, soziale Leistungen festlegt und bestimmt, welche Freiheiten Menschen in einer Gesellschaft zugestanden werden.
Auch Gefühle entheben uns nicht der Verantwortung
Ich verstehe, warum Menschen wütend sind. Wirklich.
Ich verstehe die Erfahrung, politisch nicht gehört zu werden. Die Sorge um wirtschaftliche Sicherheit. Das Gefühl, dass Entscheidungen weit entfernt von der eigenen Lebenswirklichkeit getroffen werden. Den Eindruck, dass etablierte Parteien dieselben Sätze wiederholen und trotzdem nichts Wesentliches verändern.
Diese Gefühle sind real.
Aber reale Gefühle machen die daraus entstehende Entscheidung noch lange nicht verantwortungsvoll.
Wut kann erklären, warum jemand eine Partei wählt. Sie sagt nichts darüber aus, ob diese Wahl für die Gesellschaft tragfähige Folgen hat.
Enttäuschung kann erklären, warum jemand den bestehenden Parteien einen Denkzettel geben will. Doch auf dem Stimmzettel steht nicht „Denkzettel“. Dort steht eine Partei, die anschließend reale politische Macht erhält.
Sie bekommt Sitze. Personal. Geld. Einfluss auf Institutionen. Zugang zu Informationen. Gestaltungsmöglichkeiten in Bildung, Kultur, Verwaltung und öffentlicher Kommunikation.
Wer aus Protest wählt, wählt die Konsequenzen mit.
The Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zeigt deutlich, welche gesellschaftliche Ordnung die Partei anstrebt. Es richtet sich gegen feministische und geschlechtliche Selbstbestimmung, erhebt ein traditionelles Familienbild zur gesellschaftlichen Norm und will staatlichen Einfluss auf Schulen, Lehrmittel und Kultur ausweiten. Die Förderung von Projekten gegen Rassismus soll gestrichen werden.
Das Landesamt für Verfassungsschutz stuft den Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein.
Diese Positionen waren vor der Wahl öffentlich bekannt.
Sie standen mit zur Wahl.
Frauen wählen nicht automatisch weibliche Macht
Auch Frauen haben dieses Ergebnis mitgetragen.
Das Geschlecht einer Wählerin macht ihre Wahlentscheidung nicht automatisch weiblich oder solidarisch. Und es sagt nichts darüber aus, ob diese Entscheidung die Freiheit anderer Frauen schützt.
Ebenso wenig verkörpert eine Politikerin allein deshalb weibliche Macht, weil sie eine Frau ist.
Die deutlichsten Beispiele stehen längst vor uns: Alice Weidel, Giorgia Meloni und Marine Le Pen. Drei Frauen in zentralen Positionen rechter Parteien. Ihre Sichtbarkeit und ihr politischer Einfluss sind kein Beleg für weibliche Macht. Entscheidend ist, welche Ordnung sie vertreten und welche Freiheit diese Ordnung anderen Frauen lässt.
Eine Frau kann eine politische Ordnung unterstützen, die anderen Frauen Freiheit nimmt. Sie kann ein Familienbild vertreten, in dem weibliche Selbstbestimmung nur so lange akzeptiert wird, wie sie sich in eine vorgegebene Form fügt. Sie kann Macht einsetzen, um bestehende Hierarchien zu stabilisieren und ihre eigene Position darin zu sichern.
Deshalb reicht die Aufforderung „Frauen müssen Frauen wählen“ nicht.
Frauen müssen genauer hinsehen.
Welche Politik vertritt ein Mensch tatsächlich? Welche Gesetze unterstützt diese Person? Welche Freiheit gesteht sie anderen zu? Wessen Lebensrealität wird geschützt? Wer trägt die Folgen ihrer Entscheidungen? Und welches Verständnis von Familie, Körper, Arbeit, Bildung und Selbstbestimmung wird durch ihre Politik gesellschaftliche Wirklichkeit?
Sympathie reicht dafür nicht.
Auch der Eindruck, jemand spreche endlich „wie ein normaler Mensch“, ist kein politisches Kriterium. Ein Politiker kann nahbar wirken, seine Familie lieben und im persönlichen Kontakt ausgesprochen angenehm sein. Trotzdem kann er politische Entscheidungen vertreten, die Freiheit beschneiden, Menschen ausgrenzen oder demokratische Institutionen schwächen.
Politische Urteilskraft beginnt dort, wo wir nicht nur auf die Person schauen, sondern auf die Wirkung der Macht, die wir ihr übertragen.
Innere Haltung ersetzt keine äußere Verantwortung
Viele von uns sprechen über Frieden, Freiheit, Menschenwürde und eine lebenswerte Zukunft.
Wir meditieren. Wir reflektieren unsere Prägungen. Wir lösen uns innerlich von Angst, Abwertung und alten Feindbildern. Wir versuchen, bewusster zu leben und anderen Menschen respektvoll zu begegnen.
Das alles ist wertvoll.
Aber es reicht nicht, diese Werte innerlich zu tragen, während wir die politischen Räume meiden, in denen über ihre gesellschaftliche Geltung entschieden wird.
Innere Entwicklung bleibt unvollständig, wenn sie uns von äußerer Verantwortung entfernt.
Was ist ein Wert wert, wenn ich nicht bereit bin, für seine gesellschaftlichen Konsequenzen einzustehen?
Ich muss dafür keiner Partei vollständig vertrauen. Ich muss kein Wahlprogramm in jedem Punkt gutheißen. Ich muss Politik nicht lieben und mich auch nicht mit dem gesamten System identifizieren.
Aber ich muss urteilen.
Ich muss unterscheiden, welche Entscheidung meinen Werten am nächsten kommt und welche ihnen grundsätzlich widerspricht. Ich muss bereit sein, zwischen unvollkommenen Möglichkeiten zu wählen, wenn die Alternative darin besteht, anderen das Feld zu überlassen.
Demokratische Macht wird selten in einer vollkommenen Form angeboten.
Trotzdem müssen wir entscheiden, wem wir sie geben.
Ich kenne diesen Rückzug
Ich nehme mich davon nicht aus.
Ich kenne den Rückzug. Ich kenne den Gedanken, dass keine der vorhandenen Möglichkeiten wirklich passt. Ich kenne die innere Geste, mit diesem ganzen politischen Feld nichts zu tun haben zu wollen.
Heute weiß ich: Auch das war eine Abgabe von Macht.
Ich kann nicht für weibliche Macht eintreten und gleichzeitig so tun, als beginne Macht erst in Vorständen, Regierungen oder großen Institutionen.
Sie beginnt viel früher.
Sie beginnt dort, wo eine Frau sich selbst als politisch wirksam begreift. Wo sie Informationen prüft, Folgen abwägt, ein Urteil bildet und ihre Stimme einsetzt. Wo sie sich nicht allein davon leiten lässt, wer ihre Wut am wirkungsvollsten anspricht, sondern genauer hinsieht, welche Ordnung aus dieser Wut entstehen soll.
Eine einzelne Stimme verändert kein Land.
Aber sehr viele einzelne Stimmen haben gerade die politischen Mehrheitsverhältnisse in Sachsen-Anhalt tiefgreifend verändert.
Wir können unsere Macht ablehnen, weil uns ihre vorhandenen Formen nicht gefallen. Wir können uns innerlich zurückziehen und darauf bestehen, mit dem Ergebnis nichts zu tun zu haben.
Doch entscheiden wird es trotzdem über uns.
Und über Menschen, die seine Folgen weit stärker tragen müssen als wir selbst.
🌳 Orchard Letter 32
Weibliche Macht beginnt auch bei der eigenen Stimme. Eine Frau nutzt ihren politischen Einfluss, wenn sie prüft, urteilt und Verantwortung dafür übernimmt, welche Ordnung sie mitträgt.
→ Mehr über mein Verständnis von weiblicher Macht
Über die Autorin
Renate Hechenberger verbindet 30 Jahre internationale Führungserfahrung, davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen, mit mehr als 15 Jahren selbständiger Arbeit an innerer Autorität, Macht und Verantwortung.
Als Female Power Architect bietet Renate Hechenberger strategisches Sparring für Frauen, die Einfluss haben, Verantwortung tragen und ihren eigenen Handlungsspielraum neu bestimmen wollen.
© 2026 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.


