Ein früher Text aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Ich lasse ihn bewusst sichtbar, weil viele der beschriebenen Dynamiken bis heute wirksam sind.
Über spirituelle Überforderung, falsches Loslassen und die Notwendigkeit von Integration
Es ist – zugegeben – eines meiner Lieblingsthemen.
Immer mehr Menschen kommen heute mit einer ganz eigenen Form von Erschöpfung in Berührung:
Nicht, weil sie zu wenig an sich gearbeitet hätten, sondern weil sie sich in zu vielem verloren haben.
Viele berichten, dass ihre sogenannte spirituelle Praxis sie nicht freier, sondern verwirrter gemacht hat.
Dass sie nach Jahren von Übungen, Kursen, Videos, Channelings und Methoden schlechter mit ihrem Leben zurechtkommen als zuvor.
Das ist kein Randphänomen.
Und es ist auch kein persönliches Versagen.
Spirituelle Enttäuschung tut tief weh
Wer sich mit offenem Herzen auf spirituelle Versprechen eingelassen hat – auf Heilung, Aufstieg, Erlösung, Licht und Liebe – und dann feststellen muss, dass die eigenen Wunden geblieben sind, erlebt etwas sehr Tiefes: spirituelle Enttäuschung.
Diese Form der Enttäuschung geht tiefer als viele andere.
Sie fühlt sich an wie Verrat.
Wie ein erneutes Fallenlassen genau dort, wo man gehofft hatte, endlich gehalten zu sein.
Dass manche Menschen in dieser Situation in dogmatische, religiöse oder ideologische Gegenbewegungen kippen, ist psychologisch verständlich – aber keine Lösung.
Der Rückzug in starre Wahrheiten heilt keine verletzte Seele.
Was wir hier beobachten, ist kein „Internetphänomen“, sondern ein Übergangsschmerz:
Der Abschied von naiven spirituellen Erzählungen – ohne dass bereits tragfähige innere Strukturen vorhanden sind.
Das Problem ist nicht Spiritualität – sondern Beliebigkeit
Was vielen Menschen heute fehlt, ist Integration.
Ein spiritueller Weg, der hauptsächlich aus Videos, Zitaten, Übungen und ständig wechselnden Lehren besteht, überfordert das innere System.
Nicht jede Übung ist für jede Person geeignet.
Nicht jede Praxis passt zu jeder Lebensphase.
Erfahrung ohne Integration führt nicht zu Reifung, sondern zu Instabilität.
Matthias – dessen Text ich hier bewusst zitiere – bringt es auf den Punkt:
Erlebnis und Wandlung sind nicht dasselbe.
Man kann außergewöhnliche Erfahrungen haben und innerlich unverändert bleiben.
Und man kann sich still, unspektakulär und nachhaltig verändern – ohne große Erlebnisse.
Erde zuerst. Immer.
Ein zentraler Irrtum vieler spiritueller Strömungen besteht darin, das Menschsein überspringen zu wollen.
„Wir sind doch spirituelle Wesen“ wird dann zur Ausrede, sich nicht mit Depression, Beziehungskonflikten, Scham, Wut oder Bindungsthemen auseinanderzusetzen.
Doch genau hier liegt die Aufgabe:
Bewohner beider Welten zu werden.
Nicht Flucht ins Licht.
Nicht Dissoziation vom Schmerz.
Sondern Verkörperung.
Traditionelle Schulen wussten das.
Sie begannen mit Alltag, Disziplin, Erdung, Beziehung, Verantwortung – nicht mit kosmischen Visionen.
Loslassen ist kein Befehl
Ein besonders hartnäckiger Irrtum ist die Vorstellung, man könne innere Themen einfach „loslassen“.
Loslassen ist kein mentaler Akt.
Es ist das Resultat eines vollständigen inneren Prozesses.
Was nicht gefühlt, anerkannt und integriert wurde, kann nicht gehen.
Schatten sind immer mit Schmerz verbunden.
Und Schmerz verschwindet nicht durch Ignorieren.
Wer glaubt, Loslassen bedeute Wegdenken, Wegatmen oder spirituelles Überstrahlen, übt meist unbewusst Dissoziation – nicht Befreiung.
Worum es wirklich geht
Wir leben in einer Zeit der Überangebote:
Spiritualität, Psychologie, Coaching, Non-Dualität, Manifestation, Heilung, Erwachen – alles gleichzeitig, alles verfügbar, alles vermischbar.
Das Ergebnis ist oft innere Unschärfe.
Was jetzt gebraucht wird, ist etwas Unpopuläres:
-
Ehrlichkeit
-
Geduld
-
Begleitung
-
und die Bereitschaft, Persönlichkeit und Bewusstsein gleichzeitig zu entwickeln
Innere Arbeit ist selten glamourös.
Sie ist kleinteilig, unbequem, manchmal langweilig – und zutiefst wirksam.
Glück, Frieden und Weite entstehen nicht durch Abkürzungen.
Sie sind Nebenprodukte einer gereiften inneren Struktur.
Einordnung aus heutiger Sicht
Heute würde ich diesen Text kürzer, ruhiger und weniger polemisch schreiben.
Aber ich würde nichts Wesentliches davon zurücknehmen.
Was sich verändert hat, ist mein Fokus:
Nicht mehr Warnung vor spirituellen Irrwegen –
sondern Einladung zu innerer Integration.
Weibliche Führung, innere Autorität und echte Präsenz entstehen dort,
wo Spiritualität nicht kompensiert, sondern verkörpert wird.
Nicht durch mehr Konzepte.
Sondern durch das Aushalten der eigenen Tiefe.
© 8 /2015 Renate Hechenberger. Alle Rechte Vorbehalten.
Überarbeitet und neu eingeordnet 2025.
Foto credit: dreamstime_m_89299175

