Muss ich wirklich alles fühlen?

Muss ich wirklich alles fühlen?

Ein früher Text über Gefühle, Widerstand und innere Integration

Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit.
Er bleibt hier bewusst sichtbar – als Teil des Weges, aus dem meine heutige Ausrichtung entstanden ist.


Gefühle sind real.
Gefühle sind vollständig.
Gefühle brauchen keine Rechtfertigung.

Und doch sind sie nicht immer leicht zu spüren, auszuhalten oder zu integrieren. Viele Menschen haben Angst vor sogenannten „negativen Gefühlen“ wie Versagensangst, Trauer, Ablehnung, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schuld, Wut, Zorn – und insbesondere vor Scham und Selbsthass. Um diese Gefühle nicht spüren zu müssen, versucht die innere Wächterstruktur oft ein Leben lang, Emotionen zu kontrollieren oder gar nicht erst entstehen zu lassen.

Doch je stärker der innere Wächter kontrolliert, desto größer wird die Ohnmacht. Es entsteht innerer Widerstand – ein Widerstand gegen das, was ist.
Nicht das Gefühl selbst tut weh, sondern der Widerstand gegen das Gefühl.

Könnte ein Gefühl einfach da sein, ohne sofort bewertet, analysiert oder „aufgelöst“ zu werden, wäre Integration möglich. Doch viele Menschen wissen nicht, wie das geht. So bleiben sie im Widerstand gefangen. Es wirkt manchmal, als wären sie innerlich von immer engeren Schutzstrukturen umgeben.

Vielleicht meldet sich an dieser Stelle der Gedanke:
„Ich muss meine Gefühle doch kontrollieren – sonst wäre das katastrophal.“

Doch wer in dir ist so überzeugt davon?

Denn oft geschieht genau das Gegenteil:
Die Gefühle, vor denen wir Angst haben, beginnen unser Leben zu bestimmen. Sie engen Verhalten ein, beeinflussen Entscheidungen und rauben Freiheit. Unterdrückung führt nicht zu Stabilität, sondern zu innerer Erstarrung.

Was es braucht, ist Mut – und Übung.
Mit der Zeit kann gelernt werden, auch unangenehmen Emotionen Raum zu geben. Der enorme Energieaufwand, Gefühle zu vermeiden, fällt weg. Handeln wird bewusster, das innere Erleben ruhiger, der eigene Lebensfluss spürbarer – manchmal zum ersten Mal.

Unterdrückte Gefühle ziehen Situationen an

Viele Menschen kennen das Phänomen sich wiederholender Situationen. Unterdrückte Gefühle wirken wie Magnete. Solange ein Gefühl nicht bewusst wahrgenommen wird, sendet es eine innere Frequenz aus, die passende Erfahrungen anzieht.

Ist das unterdrückte Gefühl beispielsweise Scham oder Wertlosigkeit, kann es geschehen, dass man immer wieder Menschen begegnet, die genau diese Empfindungen auslösen – etwa durch Abwertung, Untreue oder subtile Entwürdigung.

In solchen Momenten tritt häufig eine innere Erstarrung auf:

  • Worte fehlen.

  • Abgrenzung gelingt nicht.

  • Man fühlt sich ausgeliefert.

  • Teile der Situation bleiben später sogar erinnerungslos.

Im Nachhinein entsteht oft Selbstverurteilung: „Warum habe ich nichts gesagt?“
Doch dieses Muster ist nicht durch Verstand oder Disziplin zu verändern. Es verändert sich nur dort, wo das unterdrückte Gefühl selbst wahrgenommen werden kann.

In der Annahme geschieht Veränderung

Gefühle sind Macht – gegen uns oder für uns.
Die Entscheidung liegt bei uns.

Das Leben bietet immer wieder Gelegenheiten, unterdrückte Emotionen bewusst wahrzunehmen. Bleiben sie unbeachtet, werden die Situationen meist intensiver. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil etwas gesehen werden will.

Um an unterdrückte Gefühle heranzukommen, sind innere Bilder oft hilfreich. In einem Zustand der Entspannung enthält ein inneres Bild bereits alle relevanten Informationen:

  • das Gefühl

  • die Körperempfindung

  • Gedanken und Erinnerungen

  • Impulse und Handlungsimpulse

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen innerer und äußerer Erfahrung. Neue innere Erfahrungen verändern neuronale Bahnen – und damit Verhalten. Reine gedankliche Umdeutungen reichen dafür meist nicht aus.

Begleitung und Präsenz

Wenn eine Klientin mit körperlichen Beschwerden oder sich wiederholenden Beziehungsmustern in meine Begleitung kam, richteten wir den Blick nach innen. Ziel war es, das Gefühl zu finden, das hinter dem Symptom oder der Situation verborgen lag.

Oft zeigte sich Ohnmacht oder Erstarrung – Zustände, die schwer auszuhalten sind. Genau hier war es entscheidend, nicht vorschnell aus dem Erleben herauszuführen, sondern präsent zu bleiben.
Vorausgesetzt, die begleitende Person kann selbst mit Ohnmacht und Erstarrung umgehen, entsteht ein Resonanzraum, in dem das Gefühl zugelassen werden kann.

Mit der Zeit verändert sich das innere Bild von selbst. Erstarrung löst sich, Ohnmacht wandelt sich – etwa in Selbstschutz oder Hingabe. Schritt für Schritt wird Integration möglich.

Wenn sich Muster lösen

Sind Erstarrung und Ohnmacht bewusst geworden, können sich weitere Gefühle zeigen: Hilflosigkeit, Schuld, Ekel – manchmal auch Scham oder Selbsthass. Besonders Menschen, die sich früh unerwünscht oder abgelehnt fühlten, tragen solche Gefühle oft tief in sich.

Werden diese Empfindungen bewusst wahrgenommen, beginnt sich etwas zu verändern. Selbstakzeptanz wächst, Selbstwert stabilisiert sich. Auch das Feedback aus dem Umfeld verändert sich – nicht durch Anstrengung, sondern durch innere Klarheit.

Der Drang, Gefühle zu kontrollieren, lässt nach. Handlungsfähigkeit wächst. Einengende Verhaltensmuster beginnen sich aufzulösen. In manchen Fällen lindern sich sogar körperliche Symptome.

Ein innerer Lernweg

Focusing war in dieser Phase meiner Arbeit eine wertvolle Unterstützung. Diese Methode verbindet Denken und Fühlen, indem die Aufmerksamkeit auf das körperlich spürbare Unklare gerichtet wird – dort, wo Worte noch fehlen. Begründer ist Eugene T. Gendlin.

Der Weg, Gefühle kennenzulernen und zu integrieren, erfordert Geduld. Geduld ist jedoch eine Qualität, die in einer beschleunigten Welt wenig Raum bekommt. Und doch ist sie grundlegend für innere Reifung.

Der Anfang liegt immer bei sich selbst:
sich anzunehmen, mit allem, was gerade da ist.
Denn nur ein innerlich tragfähiges Herz kann auch andere halten.


Einordnung aus heutiger Sicht (2025)

Dieser Text stammt aus einer früheren Phase meiner Arbeit, in der das bewusste Fühlen und die Integration unterdrückter Emotionen im Mittelpunkt standen.

Heute arbeite ich nicht mehr primär über intensive Gefühlsprozesse, sondern mit der inneren Führung und Struktur, die es überhaupt erst ermöglicht, Gefühle zu halten, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Was geblieben ist, ist die zentrale Erkenntnis:
Nicht jedes Gefühl muss durchlebt werden – aber jedes Gefühl braucht einen inneren Ort, an dem es getragen werden kann.

Genau dort beginnt heute meine Arbeit.


© 03/2017 Renate Hechenberger. Alle Rechte vorbehalten.
Foto credit: Canva Pro

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