Wenn alte Landkarten nicht mehr funktionieren, wird Tiefe zum Kompass.
Es gibt diesen Moment nach jedem Durchbruch, in dem die Welt plötzlich seltsam still wird. Keine Krise, kein Kampf, keine Deadline – nur Raum. Und dieser Raum kann sich erschreckend anfühlen.
Für Hedwig kam er nach Monaten von Klarheit, Grenzen und innerer Neuordnung. Sie hatte die tiefsten Drähte durchtrennt, ihre Ängste angeschaut, ihr Machtgefühl neu aufgebaut. Doch als der Druck nachließ, wurde sie erneut unruhig. Ihr Geist suchte nach der nächsten Herausforderung, ihre Emotionen nach der nächsten Welle.
„Warum fühle ich mich so flach?“, fragte sie in einer unserer Sitzungen. „Ich dachte, Frieden würde sich besser anfühlen als das.“
Was sie berührte, war kein Scheitern. Es war die nächste Schwelle: zu lernen, ohne das permanente Summen von Adrenalin zu leben.
Wenn Richtung verloren geht
In ihrem Unternehmen war Hedwig bekannt für Strategie. Sie spürte Risiken, bevor sie sichtbar wurden, verwandelte Chaos in Plan. Doch bei einem Leadership-Offsite, umgeben von Berater:innen und Spreadsheets, wurde ihr klar, dass nur Zahlen für sie keine Bedeutung mehr hatten Die Zahlen berührten sie nicht mehr.
Wachstumskurven und Marktprognosen fühlten sich an wie eine fremde Sprache. Ihre Notizen wurden zu Fragen: Was nährt mich jetzt? Was will ich wirklich aufbauen?
Am Abend schrieb sie in ihrem Journal:
Mein Kompass war früher Ergebnisse. Jetzt brauche ich einen anderen.
Das war der Beginn ihres Tiefenkompasses – einer neuen Art der Orientierung, die sich weder in Strategiepräsentationen noch in Quartalsplänen abbilden ließ. Es ging nicht um Effizienz oder Kontrolle. Es ging um Resonanz: darum, was sich im Körper wahr anfühlte – nicht darum, was auf Papier gut aussah.
Am nächsten Morgen pulsierte diese innere Frage weiter. Sie spürte: Würde sie an den alten Orientierungen festhalten, würde sie sich selbst wieder verlieren. Aber wo beginnt man, wenn keine äußere Richtung mehr stimmt?
Eine andere Stimme im Orchard
Zur gleichen Zeit begegnete sie Amira, einer Architektin, bekannt für gläserne Türme, die den Himmel berührten. Amira hatte gerade eine globale Firma verlassen. Sie sagte, sie könne noch immer die nächste Skyline entwerfen – aber nicht mehr fühlen, wo sie hingehörte.
Bei Kaffee driftete ihr Gespräch über Karrieren hinaus in Sinnfragen. „Ich dachte immer, Präzision sei mein Geschenk“, sagte Amira. „Jetzt frage ich mich, ob sie zu meinem Käfig wurde. Alles, was ich baue, steht hoch – aber ich spüre den Boden nicht mehr.“
Hedwig hörte zu und erkannte sich selbst in diesen Worten. Beide hatten Jahrzehnte damit verbracht, Strukturen zu meistern – unternehmerisch, kreativ, emotional – nur um festzustellen, dass sie darin nicht mehr atmen konnten.
Das Gespräch war kurz, aber elektrisierend. In Amira sah Hedwig, was sie leicht hätte werden können: erfolgreich, bewundert – und doch ohne inneren Halt.
Als sie sich trennten, blieb in ihr etwas zurück, das nachklang. Orientierung zu verlieren, war kein Fehler, sondern eine Initiation. Vielleicht war der Kompass nie im Himmel zu finden gewesen – sondern im Boden unter ihren Füßen.
Diese Begegnung wurde zum Echo für Hedwigs nächste Phase. Sie erinnerte sie daran: Der Tiefenkompass ist kein privates Werkzeug. Er gehört zu einem größeren Feld. Eine Frau, die ihre Richtung findet, lädt andere ein, der eigenen inneren Richtung zu lauschen.
Das Drama des Sich-Lebendig-Fühlens
Bevor sie diesem Kompass wirklich vertrauen konnte, musste sie etwas Subtileres, Hartnäckigeres anschauen: ihre Abhängigkeit von Emotion.
Wochen nach ihrer Transformation kehrten alte Gefühle wellenartig zurück – Wut, Trauer, Nostalgie. Jedes Mal, wenn sie glaubte, „durch“ zu sein, kam die nächste Welle.
„Ich dachte, ich wäre fertig damit“, sagte sie erschöpft. „Warum kommt das immer wieder?“
Was sie hier berührte, sehe ich bei vielen Frauen in dieser Phase – auch in meiner MasterClass, selbst bei jenen mit jahrelanger Prozess-, Gefühls- und Energiearbeit.
Wir haben gelernt, tief zu fühlen. Aber wir haben auch gelernt, uns auf dieses tiefe Fühlen zu verlassen. Der emotionale Körper ist süchtig nach Drama geworden – als Beweis von Lebendigkeit.
Wenn Ruhe eintritt, fühlt es sich leer an. Ein Nervensystem, das Stürme gewohnt ist, beginnt wieder nach Intensität zu verlangen.
Drama tarnt sich als Lebendigkeit. Stille fühlt sich an wie Taubheit. Und so erschaffen wir unbewusst wieder Krise – um etwas zu fühlen.
Das ist eine der schwierigsten Verschiebungen im Deep Cycle: nicht mehr die Höhe zu suchen, sondern die Tiefe. Inneren Frieden zuzulassen, ohne ihn mit Abwesenheit zu verwechseln. Zu erkennen, dass Stille ebenfalls lebendig sein kann – tragend, voll, nährend.
Die Praxis emotionaler Nüchternheit
In einer Sitzung bat ich Hedwig, vor dem Sprechen über einen Konflikt die Augen zu schließen. „Spür, was in deinem Körper geschieht“, sagte ich. „Wo zieht es sich zusammen, wo öffnet es sich?“
Ihr Atem wurde langsamer. Die Schultern weicher. Eine lange Stille.
Dann flüsterte sie: „Ich muss gerade nichts reparieren. Ich muss nur hierbleiben.“
Das ist die Essenz emotionaler Nüchternheit: fühlen, ohne zu verschmelzen. Wahrnehmen, ohne sich zu verstricken.
Der Tiefenkompass jagt Emotionen nicht – er liest sie.
Er unterscheidet: Ist das eine reale Welle – oder eine vertraute Überlebensschleife?
Mit der Zeit lernte Hedwig, den Unterschied zu erkennen. Entscheidungen aus Kontraktion raubten ihre Kraft. Entscheidungen aus innerer Weite trugen Macht.
Der Körper wurde zum Wahrheitsinstrument – und ein Kompass, der nicht lügt.
Was still gehen darf
Die nächste Prüfung kam, als sie eingeladen wurde, einem prestigeträchtigen Board beizutreten. Alles in ihrer alten Identität wollte Ja sagen. Es sah perfekt aus: noch mehr Status, Anerkennung, Einfluss.
Doch in ihr blieb es still. Keine Ausdehnung. Keine Wärme. Nur Ruhe.
Sie sagte ab.
Kein Drama. Keine Ankündigung. Nur ein leises Loslassen.
Manche Drähte lösen sich nicht mit der Schere – sondern mit dem Atem.
Diese Entscheidung wurde zu einem Wendepunkt. Sie erkannte: Nicht jede neue Möglichkeit bedeutet Wachstum. Manchmal heißt Wachstum, Nein zu sagen zu dem, was nicht mehr resoniert – selbst wenn die Welt applaudiert.
Was durch dich wachsen will
Wochen später bat eine junge Frau, die sich für ein Praktikum in Hedwigs Firma beworben hatte, Hedwig um Mentoring. Früher hätte sie Notizen vorbereitet, Ratschläge gegeben, vielleicht sogar einen Karriereplan.
Jetzt hörte sie einfach zu.
Als die junge Frau geendet hatte, sagte Hedwig leise: „Was fühlt sich für dich gerade wahr an?“
Tränen kamen – nicht aus Schmerz, sondern aus Gesehen-Sein.
In diesem Moment begann Hedwigs wirklicher Neubeginn als Tiefen-Leaderin: nicht mehr nur aus Expertise zu führen. Sondern aus Präsenz.
Sie führte nicht mehr aus Performance. Sondern aus Verbindung.
Ihr Kompass hatte sich verschoben: von Strategie zu Spüren.
Die Essenz des Tiefenkompasses
Tiefen-Navigation bedeutet nicht mehr Arbeit. Sie bedeutet tieferes Lauschen.
Sie fragt:
Was darf still gehen?
Was will durch mich wachsen?
Was möchte in die Essenz dessen verwandelt werden, wer ich jetzt bin?
Sie verspricht keine permanente Klarheit. Aber sie baut Vertrauen in das Timing des Lebens auf.
Sie gibt Autorität zurück an den Körper – nicht an externe Systeme.
Und sie öffnet den Raum für Führung, die nicht mehr performen muss.
Hier beginnt Female Power zu reifen – vom Erwachen zur Verkörperung.
Einige Monate später kam die junge Praktikantin zurück. Ihr Projektvorschlag – getragen von Nachhaltigkeit und stiller Innovation – war gerade vom Board genehmigt worden.
Sie bedankte sich bei Hedwig und sagte: „Du hast mir keine Anweisungen gegeben. Du hast mir den Mut gegeben, mir selbst zu glauben.“
Hedwig erkannte: Das war der tiefere Sinn ihres Kompasses. Nicht nur sich selbst zu führen – sondern auch Orientierung für andere zu werden.
Die Standhaftigkeit einer Frau begann bereits, die nächste Generation von Führung zu formen.
Praxis: Den Kompass kalibrieren
Diese Woche, bevor du entscheidest oder reagierst:
Pause. Atme. Lass die erste Emotionswelle vorüberziehen.
Spüre. Was zieht sich zusammen, was weitet sich?
Wähle. Folge der Bewegung, die ruhiger ist – nicht der lauteren.
Vertraue. Der Tiefenkompass schreit nicht. Er summt.
Jedes Mal, wenn du Präsenz über Performance wählst, lockern sich die Drähte am Spalier ein wenig mehr.
Der Orchard nach dem Winter
Eines Morgens stand Hedwig auf ihrem Balkon. Sie sah in ihrer Vorstellung, dass die Obstbäume unter ihr kahl waren, ihre Äste dunkel im frühen Licht. Doch unter der Stille stieg der Saft bereits auf. Das Leben war schon in Bewegung.
Sie lächelte. Irgendwo unten hallte das Lachen der jungen Praktikantin im Orchard – ein weiterer Zweig, der zu knospen begann.
Und sie wusste natürlich: Der Orchard, den sie so oft imaginierte, bestand nicht aus Bäumen und Erde. Es war ein lebendiges Feld von Frauen, jede dabei, in ihrem eigenen Licht zu wachsen.
Nicht alles braucht eine Antwort, dachte sie. Aber alles braucht meine Präsenz.
Hier wendet sich der Deep Cycle erneut – von Strategie zu Spüren, von Emotion zu Essenz.
Der Anfang nach dem Ende.
🌳 Orchard Letter · OL 5 Wenn dieser Letter etwas in dir bewegt hat, lade ich dich ein, im Orchard zu bleiben — einem Raum der Reflexion über Frauen, Macht und innere Führung. Du kannst den nächsten Orchard Letter direkt in deinem Posteingang erhalten, wenn du meinen Newsletter abonnierst.
Mehr von dieser Arbeit findest du in meinem gratis E-Book Unapologetic Power.
Über die Autorin 30 Jahre internationale Führungserfahrung — davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen — sowie 15 Jahre an der Seite von Frauen in hohen Verantwortungsräumen. Renate Hechenberger öffnet Räume, in denen die innere Architektur sichtbar wird — eine Architektur, die Frauen in ihrer weiblichen Kraft verankert.
Allzu oft werden Frauen in Führungspositionen berufen, wenn der Boden bereits bebt – oben gefeiert, doch ohne wirkliche Unterstützung. Die sogenannte Glass Cliff ist kein Empowerment, sondern Exponierung.
Auch die jüngste Ernennung von Evelyn Palla zur CEO der Deutschen Bahn trägt diese Signatur in einer weiteren Variante. Offiziell wird sie als „erneuertes Mandat“ gewürdigt. Doch noch bevor sie ihr Büro betreten hat, werden bereits Zweifel laut: Welche großen Leistungen könne sie eigentlich vorweisen?
Es ist eine Frage, die Männern in derselben Position kaum je gestellt wird. Ihre Autorität gilt, bis das Gegenteil bewiesen ist. Frauen hingegen werden mit Schlagzeilen gefeiert und im selben Atemzug untergraben. Misstrauen geht Vertrauen voraus.
So wiederholt sich seit Jahrzehnten ein stilles Geschäft: Frauen werden in Machtpositionen eingeladen, jedoch oft ohne gleichwertige Rückendeckung, Ressourcen oder Vertrauen. Sie werden sichtbar ins Licht gestellt – auf bereits instabilem Grund. Wenn die Struktur ins Wanken gerät, fällt die Schuld schnell auf ihre Schultern. Und wenn sie erfolgreich sind, werden sie nicht selten wieder durch Männer ersetzt.
Hier setzt eine andere Erzählung: Frauen nicht an den Abgrund zu schicken, sondern Räume zu schaffen, in denen sie mit Klarheit, Integrität und voller Unterstützung führen können.
Hedwig nach dem „Nein“
Auch für Hedwig war dieses Muster real. Sie hatte ihr Unternehmen bis zum Börsengang getragen und wurde als Gründerin und CEO gefeiert. Doch die Unterstützung um sie herum war fragil, Loyalität oft an Bedingungen geknüpft.
Im letzten Kapitel ihrer Geschichte hast du gesehen, wie sie im Boardroom ein souveränes „Nein“ setzte – und sich weigerte, ihre Autorität einem Projekt zu leihen, das gegen ihr Integritätsgefühl verstieß. Dieser Moment durchschnitt einen der tiefsten Drähte, die sie gebunden hatten: den Glauben, dass Überleben Anpassung bedeute.
Doch die eigentliche Transformation endete nicht dort. Das „Nein“ war nur die Tür. Was folgte, war leiser, weniger dramatisch – und letztlich entscheidender. Es war die innere Verschiebung, die ihr Führungsverständnis von Grund auf veränderte.
Zweifel an der Schwelle
In der Nacht nach ihrer Weigerung saß Hedwig in ihrem Auto in der dunklen Garage, die Hände am Lenkrad. Ihr Herz pochte noch immer. Sie hatte gegen den Strom gesprochen. Sie hatte ihre Linie gehalten. Doch der harte Widerstand, die langwierige Auseinandersetzung, bis sie ihre Version überhaupt gehört bekamen, hallte in ihr nach.
Würden sie sie irgendwann kaltstellen? Würden sie ihren Einfluss auf subtile Weise untergraben? Könnte das Board ihre Rolle schmälern – selbst bei ihrer Mehrheitsbeteiligung? Diese Fragen begleiteten sie auf dem Heimweg.
Und doch bemerkte sie, als sie ihre Wohnung betrat und sich im Spiegel sah, etwas Ungewohntes: ihre eigenen Augen – ruhig, unverrückbar. Keine Migräne. Kein verkrampfter Kiefer. Der Puls, der den ganzen Tag durch ihren Hals gehämmert hatte, war verschwunden.
Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich nicht ausgelaugt, sondern seltsam klar. Etwas Grundlegendes hatte sich verschoben – nicht im System um sie herum, sondern in ihrem eigenen Grund.
Jenseits von Widerstand
In den Tagen danach entdeckte Hedwig den Unterschied zwischen Druck zu widerstehen und sich nicht mehr von ihm definieren zu lassen.
Jahrelang hatte sich ihre Führung daran gemessen, wie viel Last sie tragen konnte, wie viel Druck sie aushielt. Sie hatte sich trainiert, teils unter unmöglichen Bedingungen zu funktionieren. Das war das alte Muster: Führung als Durchhaltevermögen.
Doch nun entfaltete sich etwas Subtileres. Der Druck verschwand nicht. Erwartungen, Politik, widersprechende Stimmen waren weiterhin da. Was sich änderte, war ihr Referenzpunkt.
Sie maß sich nicht länger an der Schwere äußerer Anforderungen. Sie schöpfte Kraft aus einer ruhigeren Quelle in sich.
Diese Verschiebung machte sie nicht unangreifbar. Angst kam weiterhin. Zweifel tauchten auf. Doch sie waren nicht mehr der Boden, auf dem sie stand. Der Boden hatte sich nach innen verlagert.
Die Architektur von Macht
Das ist es, was ich die innere Verschiebung von Macht nenne. Es geht nicht darum, härter oder unverwundbar zu werden. Es geht darum, den Ort der Entscheidung neu zu verankern.
– Nicht mehr auf Druck zu reagieren. – Autorität nicht länger aus der Zustimmung des Systems zu leihen. – Kompetenz nicht mehr über Krisen-Durchhaltevermögen zu definieren.
Stattdessen:
– aus einer Klarheit zu führen, die im Körper verankert ist. – selbst zur Präsenzquelle zu werden, die andere stabilisiert. – auf einem Grund zu stehen, der nicht durch wechselnde Loyalitäten entzogen werden kann.
Für Hedwig war das kein einzelner Aha-Moment, sondern eine Praxis. Jeden Tag, in jeder Entscheidung, prüfte sie den neuen Grund:
Was wäre, wenn ich nicht handle, um Druck zu lindern, sondern um Präsenz zu verkörpern?
Antwortete sie aus diesem Raum, trugen ihre Handlungen ein anderes Gewicht. Meetings erschöpften sie nicht mehr. Verhandlungen hinterließen keine innere Leere. Selbst Konflikt – so unbequem er blieb – raubte ihr nicht länger Energie.
Spalier und Abgrund
In der Orchard-Sprache ist diese Verschiebung der Moment, in dem das Spalier seinen Griff lockert.
Glass Cliff und Spalier sind zwei Seiten derselben Architektur. Beide binden Frauen in Rollen, in denen sie ihren Wert unter Bedingungen beweisen sollen, die auf Untergrabung angelegt sind. Beide belohnen Überleben und bestrafen Souveränität.
Generationen von Frauen haben diese Ordnung getragen: an Drähte der Anpassung gebunden, auf wackeligen Grund gestellt, und verantwortlich gemacht, wenn der Einsturz kam.
Hedwigs Verschiebung zeigt eine andere Möglichkeit. Selbst wenn das System keinen stabilen Boden bietet, kann Führung in einer inneren Architektur verwurzelt werden. Dieser Grund wird nicht von außen verliehen. Er wird zurückgeholt – nicht als vage Erinnerung, sondern als gelebte Erkenntnis: Macht war nie abwesend, nur überdeckt. Aus ihr zu handeln, ist es, was Realität verändert.
Die lange Geschichte weiblicher Macht
Macht aus dem Inneren zu schöpfen ist nichts Neues. Sie war immer da. Doch über Jahrhunderte wurde sie systematisch begraben. Mit dem Übergang von der Göttin zum männlichen Gott, von Zyklen zu Hierarchien, wurde weibliche Macht unterdrückt.
Religion, Recht und soziale Ordnung waren sich einig: Die Frau sollte dienen – ohne eigene Rechtspersönlichkeit, ohne unabhängige Stimme, unter der Autorität von Vater, Ehemann oder Bruder. Bis heute kämpfen Frauen um die Hoheit über ihren eigenen Körper.
Was am tiefsten schneidet: Frauen selbst wurden zu Hüterinnen dieser Ordnung. Alte Überlebensregeln, einst unter Unterdrückung entstanden, wurden als unumstößliches Gesetz weitergegeben:
Lege dich nicht mit Männern, Macht oder Ordnung an.
Sei eine gute Frau – beschränkt auf Familie und Kinder.
Halte den Frieden um jeden Preis.
Mütter lehrten diese Ordnung ihren Töchtern – nicht aus Grausamkeit, sondern aus Schutz. Und so webten sich die Drähte durch Generationen.
Jede Frau ist vom ersten Atemzug an an das Spalier gebunden. Anpassung erscheint nicht als Wahl, sondern als Natur. Einen Draht zu durchtrennen und innere Macht zurückzuholen bedeutet, einen unsichtbaren Ahnenvertrag zu verlassen – eine jahrtausendealte Mitgliedschaftsvereinbarung. Einst schützend, ist sie zur Bürde geworden. Die Stimmen der Herkunft flüstern: Du wirst allein sein, wenn du dich nicht anpasst. Es ist beängstigend, weil es nicht nur persönlich ist, sondern eine kollektive Zugehörigkeitsregel.
Als rechtliche Beschränkungen nachließen, verlagerte sich der Kampf auf die Ebene der Erscheinung – Körper, Kleidung, Make-up, Schmuck. Barbie, die Stepford-Ehefrau und ihre modernen Varianten. Frauen konkurrieren erbittert auf dieser Bühne, im Glauben, gutes Aussehen sei Macht. Doch das ist es nicht. Es hält Frauen getrennt, ihre Energien vereinzelt – und lässt die alten Strukturen unberührt.
Darum ist die innere Verschiebung radikal. Sie ist nicht nur persönlich, sondern das Aufbrechen uralter Ordnungen. Was einst Schutz bot, muss heute Draht für Draht zurückgelassen werden.
Die Muster, die Frauen heute erben
Diese alten Ordnungen wirken noch immer in der Psyche jeder Frau. Sie zeigen sich wieder und wieder in drei Mustern:
– Ich bin unsichtbar. – Ich bin nicht gut genug. – Ich bin allein.
Jeder dieser Drähte ist ein direkter Nachfahre überlieferter Überlebensgesetze. Sie entziehen Energie und isolieren – selbst auf dem Höhepunkt des Erfolgs. Sie zu benennen, ist der erste Schritt, ihren Griff zu lockern.
Der soziale Preis von Erfolg
Je erfolgreicher eine Frau wird, desto eher gilt sie als unsympathisch. Dieser soziale Preis ist weiblich codiert: Was bei Männern als Autorität und Ehrgeiz bewundert wird, heißt bei Frauen Kälte oder Arroganz. Es ist eine weitere Variante der verborgenen Vereinbarung, die Frauen für das Einnehmen von Raum bestraft und viele davon abhält, vollständig in ihre Macht zu treten.
Weibliche Macht als Quelle
Hier liegt der Kern dessen, was ich unter Female Power verstehe.
Nicht Macht, die aus Position geliehen ist. Nicht Macht, die ein Board oder System bedingt gewährt. Nicht Macht, die sich durch das Tragen von Druck bis zum Zusammenbruch beweist.
Sondern Macht, die im Inneren zurückgeholt wird – als Quelle.
Darum sage ich: Female Power wird nicht performt. Sie wird durch Handeln erinnert.
Sobald die innere Architektur ausgerichtet ist, fließt Präsenz ohne Erschöpfung. Sie nährt, statt zu entziehen. Sie stabilisiert, statt auszubrennen.
Praxis: Eine Entscheidung aus der Quelle
Diese Woche lade ich dich ein, Folgendes zu versuchen:
Nimm einen Moment wahr, in dem du Druck verspürst nach alten Muster zu performen – ein Meeting, eine Verhandlung, eine familiäre Anforderung.
Pause. Atme. Stell dir die Frage: Wenn ich hier die Quelle wäre – was würde ich entscheiden?
Handle einmal aus dieser Antwort heraus. Es mag sich riskant anfühlen. Vielleicht zunächst unspektakulär. Doch dein Körper wird den Unterschied registrieren. Jedes Mal, wenn du als Quelle handelst, verlieren die Drähte des Drucks ein Stück ihres Griffs.
Der Orchard jenseits des Abgrunds
Hedwigs Weg ist nur ein Faden im Orchard. Doch ihre Geschichte zeigt, was möglich wird, wenn Frauen aufhören, den Glass Cliff als Schicksal zu akzeptieren.
Das Orchard ist voller Frauen, – die Drähte durchtrennen, – sich nicht mehr über Druck definieren – und den Grund unter ihren eigenen Füßen wiederfinden.
Nicht schwerer. Nicht härter. Sondern ruhiger. Klarer. Ganz.
Das ist die andere Sicht, für die ich stehe:
– Frauen nicht mehr an den Abgrund zu schicken. – Nicht mehr mit einer Hand zu applaudieren und mit der anderen zu untergraben. – Führung nicht länger mit Erschöpfung gleichzusetzen.
Stattdessen:
– Führung aus der Quelle, – verankert in Klarheit, – getragen von Präsenz.
Das ist Female Power. Und sie beginnt mit der inneren Verschiebung.
🌳 Orchard Letter · OL 4 Wenn dieser Letter etwas in dir bewegt hat, lade ich dich ein, im Orchard zu bleiben — einem Raum der Reflexion über Frauen, Macht und innere Führung. Du kannst den nächsten Orchard Letter direkt in deinem Posteingang erhalten, wenn du meinen Newsletter abonnierst.
Mehr von dieser Arbeit findest du in meinem gratis E-Book Unapologetic Power.
Über die Autorin 30 Jahre internationale Führungserfahrung — davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen — sowie 15 Jahre an der Seite von Frauen in hohen Verantwortungsräumen. Renate Hechenberger öffnet Räume, in denen die innere Architektur sichtbar wird — eine Architektur, die Frauen in ihrer weiblichen Kraft verankert.
Es kommt auf jeder Reise im Deep Cycle ein Punkt, an dem Rhythmus allein nicht mehr genügt.
Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Du kannst erschöpfenden Ehrgeiz loslassen, alte Drähte durchtrennen, einen neuen Takt atmen – und dennoch drängt sich die Frage auf: Was trägt mich, wenn reine Performance es nicht mehr tut?
Sobald du beginnst, die Drähte am Spalier wahrzunehmen, an dem du dich festhältst, kannst du anfangen, sie zu lockern. Mit jedem gelösten Draht kehrt dein eigener Puls zurück – er bringt Erleichterung und einen ersten Geschmack von Freiheit.
Jeder durchtrennte Draht wird im realen Leben geprüft. Zweifel können auftauchen, wenn der alte Halt fehlt – wenn du dich nicht länger auf deine vertrauten Arten des Funktionierens stützen kannst.
Für Hedwig kam dieser Punkt an einem Herbstmorgen, an einem Ort, der ihr am vertrautesten war: im Boardroom, wo sie als Gründerin und CEO saß, das Unternehmen Tag für Tag führte – die Frau, die die Firma an die Börse gebracht und ihre Zukunft in den Händen getragen hatte.
Die Entscheidung
Die Agenda war schwer. Das Projekt war von einzelnen Board-Mitgliedern eingebracht und von externen Beratern ausgearbeitet worden. Unterstützung breitete sich rasch aus, viele wollten es vorantreiben. Die politische Spannung war dicht, und alle blickten auf Hedwig – wissend, dass als Mehrheitsaktionärin ihr Wort den Kurs bestimmen würde.
Nach außen saß sie gefasst, den Stift in der Hand. Innen rebellierte ihr Körper.
Ihr Magen zog sich zusammen, noch bevor das Meeting begann. Ihr Kiefer verspannte sich beim Blick auf die Unterlagen. Sie spürte den Puls in ihrem Hals hämmern – nicht aus Angst, sondern aus Nachdruck: Das ist falsch.
Sie kannte die Erwartung: ihre Autorität hinzufügen, ihre Glaubwürdigkeit leihen, den Schwung halten. Sie hatte das unzählige Male getan. So überlebte man. So stieg man auf. So hatte sie das Unternehmen bis zum Börsengang geführt.
Doch als sie in die Runde blickte, war da etwas in ihr, lange verdrängt, das nicht mehr bereit war.
In unserer Arbeit
Eine Woche zuvor hatte sie dieses Dilemma zu mir gebracht.
Wir betrachteten die möglichen Ergebnisse nicht nur logisch, sondern in Resonanz – so, wie der Körper selbst Zeugnis ablegt, wenn Überzeugung nahe ist.
Was geschieht in deinem Körper, wenn du zustimmst? Ihr Atem wurde flach, die Schultern fielen nach vorne.
Was geschieht, wenn du Nein sagst? Ihre Augen wurden weit. Angst, ja. Doch ihre Brust hob sich. Ihr ganzer Körper erinnerte sich an Raum.
Wir breiteten es aus, wie in einer systemischen Aufstellung. Legten alle Beteiligten ins Feld, um ihre Dynamiken sichtbar zu machen, offene Interessen ebenso wie verborgene Agenden. Das ist Teil meiner Arbeit als Trusted Advisor: das tiefere Feld zu lesen, die unsichtbare Architektur hinter den Entscheidungen zu sehen. Ich spüre, wo Loyalitäten verstrickt sind und wo Druck verborgen liegt.
Einer nach dem anderen fand seinen Platz, bis die politische Landschaft klar vor uns lag.
Für Hedwig war die Landkarte eindeutig: Anpassung raubte ihr Kraft. Widerstand – so beängstigend er war – wies auf den Weg, den sie gehen musste.
Das souveräne Nein
Zurück im Boardroom kam der Moment.
Alle Blicke richteten sich auf sie – auf die Gründerin, deren Stimme entscheiden würde.
Sie spürte die alten Drähte schreien:
Das Gesetz der Mutter: Bring sie nicht gegen dich auf. Halte den Frieden. Die Warnung des Vaters: Stich nicht hervor. Dominiere nicht. Das Mantra der Konzernwelt: Performance ist alles. Bleib in der Linie.
Und doch lag unter diesem Lärm ein tieferer Rhythmus – ruhig, lebendig, tragend.
Mit gleichmäßiger, klarer Stimme sprach sie – nicht entschuldigend, einfach bestimmt: „Das kann ich nicht mittragen.“
Stille senkte sich. Einige Gesichter verhärteten sich. Eine Person atmete hörbar aus, fast erleichtert.
Sie stellte sich auf Gegenwind ein – Ärger, Widerstand, Gegenangriffe, Kritik. Doch der direkte Angriff blieb aus.
Stattdessen begann der schwierigere Teil: Sie musste ihre eigene Version des Projekts darlegen, Zustimmung gewinnen und nicht zuletzt überzeugend begründen, warum ihr Ansatz tragfähig war.
Weil wir das gesamte Szenario im Vorfeld durchgearbeitet hatten, kannte sie die verborgenen Agenden und war auf die erwartbaren Gegenargumente vorbereitet. Eines nach dem anderen griff sie auf, entkräftete sie und lenkte die Entscheidung in ihre Richtung.
Als die Diskussion schließlich endete und das Board sich mit ihr bewegte, nahm sie ihren eigenen Körper wahr: aufrechter Rücken, ruhiger Atem – die Migräne, die sie den ganzen Morgen begleitet hatte, war verschwunden.
So fühlt sich Souveränität an. Nicht wie Triumph. Nicht wie Rebellion.
Ihre Weigerung hatte eine Linie in den Raum gezogen – keine Mauer, sondern eine klare Kante dessen, was sie tragen würde und was nicht. Die stille Kraft einer Grenze, die Macht trägt – nicht um andere auszuschließen, sondern um den eigenen Standpunkt zu definieren.
Was Female Power ist
Jahrelang hatte sich Hedwigs Macht aus Performance gespeist und aus dem sozialen Status ihrer Familie – aus jener traditionellen Form von Macht, die an Position und äußere Ergebnisse gebunden ist. Es ist die Sprache der Konzernwelt: endlose Stunden, jede Geste kalkuliert, Wert gemessen an Anpassung an Codes. Eine Macht, die Menschen und Werte kaum berücksichtigt, selbst wenn sie so vermarktet wird. Im Kern ist es immer Macht über – nicht Macht mit oder Macht von innen. Diese Art von Macht zehrt, sie verschlingt Körper und Geist gleichermaßen.
Was an diesem Tag in ihr aufstieg, war anders. Es verlangte keine Anerkennung. Es brauchte keine Zustimmung. Es ließ sie nicht leer zurück. Es stabilisierte sie. Es nährte sie.
Das ist Female Power.
Jene Form von Macht, über die ich in meinem neuen E-Book Unapologetic Powergeschrieben habe – weil ein einzelner Artikel sie nicht fassen könnte. Female Power wird nicht geliehen und nicht performt. Sie wird erinnert. Sie fließt, wenn die innere Architektur ausgerichtet ist, wenn Überzeugung aus dem Körper aufsteigt, statt in Angst zu kollabieren.
Danach
Dieses Nein beendete die Geschichte nicht.
Am selben Abend saß Hedwig in ihrem Auto in der dunklen Parkgarage, die Hände am Lenkrad, das Herz noch immer schnell. Sie ließ die Stille des Raumes Revue passieren, die unlesbaren Gesichter. Selbst mit der Zustimmung zu ihrer Version flackerte ein Zweifel auf – sie wusste, dass sie mächtigen Menschen widersprochen hatte. Welche Folgen würde das haben? Welcher verborgene Preis könnte auf sie warten? Hatte sie zu viel riskiert, den Boden zu stark verschoben?
Doch auf dem Heimweg bemerkte sie etwas Neues. Zum ersten Mal seit Jahren hinterfragte sie nicht jedes Wort, das sie gesagt hatte, maßregelte sich nicht dafür, zu scharf oder zu weich gewesen zu sein. Sie fühlte sich seltsam klar. Sie hatte sich nicht verraten.
Am nächsten Morgen sah sie in den Spiegel, halb erwartend, Reue zu entdecken. Stattdessen blickten ihr ihre eigenen Augen entgegen – ruhig, unverrückbar.
Das ist der Preis und das Geschenk von Souveränität: Du kannst dich vor dir selbst nicht mehr verstecken.
In der folgenden Sitzung tauchten wir noch einmal tief in diese Sorgen ein. Wir betrachteten die Protagonisten erneut, lasen das Feld ein weiteres Mal und entwickelten gemeinsam eine Strategie, wie sie möglichen Konsequenzen begegnen könnte.
Das Spalier reicht tief
Und ein einziges großes Nein demontiert das Spalier nicht. Eine Grenze schützt den neuen Raum, der entsteht, wenn Drähte gekappt werden – sie hält den Boden. Doch es ist das Schneiden selbst, das das Spalier mit der Zeit auflöst.
Die Drähte sind nicht nur Konzerncodes oder Familienregeln. Sie ziehen sich durch eine lange weibliche Ahnenlinie, durch Generationen von Frauen, denen gesagt wurde, sie hätten keinen Wert, keine Stimme, keine Rechte, keinen Anspruch. Überleben bedeutete, sich an das Spalier zu binden und dort zu bleiben – eine Lektion, weitergegeben von Mutter zu Tochter: angepasst wachsen, die richtigen Früchte tragen, still und klein bleiben, weil das der einzige Weg war, zu bestehen, zu überleben.
Manche Drähte stammen aus Familienregeln, andere sind überlieferte Gesetze älter als jede Erinnerung. Die gesamte weibliche Linie ist darauf verdrahtet, Männer nicht zu überstrahlen, sich zu fügen, leise zu bleiben – und oft sind es Frauen selbst, die darüber wachen, dass dieser Code, diese unsichtbare Vereinbarung eingehalten wird.
Sich vom Spalier loszulösen, ist ein langer Weg, der Geduld und Ausdauer verlangt. Frauen, die seit über zehn Jahren mit mir gehen, entdecken noch immer neue Drähte. Das ist kein Scheitern. Es ist die Natur eines Systems, das über Jahrhunderte gewebt wurde.
Darüber hinauszuwachsen erfordert mehr als Klarheit. Es verlangt den Mut, immer wieder zu den Drähten zurückzukehren, die noch halten – und sie mit den eigenen Händen zu durchtrennen.
Nicht verloren – überdeckt
Kürzlich deutete jemand an, ich würde mit Frauen arbeiten, die „verloren“ seien. Keine der Frauen, mit denen ich arbeite, ist verloren.
Hedwig war nicht verloren. Sie hatte ein Unternehmen gegründet, an die Börse gebracht, politische Stürme überstanden. Das ist nicht das Leben einer verlorenen Frau.
Was Frauen entdecken, sind Schichten – Überlagerungen aus Erwartungen, Codes und ererbten Stimmen. Ihre Essenz war immer da, doch tief verschüttet unter der Form, in die sie am Spalier geformt wurden.
Man muss sich entscheiden, das Spalier zu verlassen. Denn sobald man jeden einzelnen Draht bewusst wahrnimmt, kann man ihn nicht mehr ignorieren. Überdecken wird unerträglich.
Die Arbeit besteht darin, sie einen nach dem anderen zu durchtrennen und die Schichten von Erwartung und Code abzutragen, bis die eigene weibliche Essenz wieder atmen kann – frei, ganz und längst vorhanden.
Praxis: Eine Grenze trainieren
Souveränität wächst durch Übung. Eine Entscheidung nach der anderen:
• Sage Nein zu einer Forderung, die dich auslaugt. • Markiere dir einen Abend für Ruhe, auch wenn der Kalender widerspricht. • Sprich eine Wahrheit aus, ohne sie für Applaus zu polieren.
Jeder Schritt fühlt sich riskant an. Jeder prüft die Drähte. Doch mit der Zeit lernt der Körper: Diese Grenze isoliert mich nicht – sie trägt mich.
Der Deep Cycle
Hedwigs Weg ist Teil des Deep Cycle – meines einjährigen Programms für Frauen, die bereit sind, über Performance hinauszugehen und die innere Architektur ihres Lebens neu zu entwerfen.
In dieser Arbeit wird weibliche Macht greifbar: eine Form von Führung, die nährt, statt zu erschöpfen, und eine Art zu leben, die sich leichter, freier und freudvoller anfühlt – mit wiedergewonnener Identität und Präsenz.
Hedwig ist heute hoch motiviert, weiterzugehen, weil sie die Ergebnisse sieht. Jedes Mal, wenn sie einen Draht durchtrennt, eine Grenze ehrt, verschiebt sich ihre Führung – von Optik zu Essenz, von Performance zu Überzeugung.
Vielleicht erkennst du dich in ihrer Geschichte wieder. Wenn ja, erinnere dich: Du bist bereits kraftvoll und ganz – du wartest nur darauf, freizulegen, was lange verdeckt war.
Das Orchard ist voller Frauen, die zu ihrer lange verschütteten weiblichen Kraft erwachen. Nicht schwerer. Nicht härter. Sondern klarer. Stabiler. Freier.
Praxis für diese Woche
Trainiere eine Grenze, die Macht trägt.
Wähle, wo du stehen willst – nicht gegen andere, sondern für dich selbst.
🌳 Orchard Letter · OL 3 Wenn dieser Letter etwas in dir bewegt hat, lade ich dich ein, im Orchard zu bleiben — einem Raum der Reflexion über Frauen, Macht und innere Führung. Du kannst den nächsten Orchard Letter direkt in deinem Posteingang erhalten, wenn du meinen Newsletter abonnierst.
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Es gibt einen Moment nach der Klarheit, in dem die Stille bleibt. Die ersten Drähte wurden benannt, der Käfig ist sichtbar geworden – doch die Frage bleibt: Was jetzt?
Für Hedwig kam dieser Moment nicht als Triumph. Er kam als Unruhe.
Die Klarheit hatte die Illusionen abgestreift – die Masken, die Rollen, die sie gespielt hatte – und sie nackt zurückgelassen. Sie war noch nicht frei, aber sie war nicht mehr blind.
Der Draht des „Nie enttäuschen“
Hedwig war mit einer einfachen Regel groß geworden, die sie ihr Leben lang begleitete: Ein gutes Mädchen enttäuscht nicht.
Ihre Mutter trug diese Regel wie ein Evangelium – nicht aus Grausamkeit, sondern aus Überleben. „Bring sie nicht gegen dich auf. Halte den Frieden. Tu, was erwartet wird. So bleibst du sicher.“
Ihre Mutter hatte ihr noch weitere Überlebenscodes vermittelt: Lass Männer niemals merken, dass du eigentlich ein bisschen klüger bist. Sei extrem effizient und unterstützend – aber niemals dominant. Vor allem unterstützend – so, wie ihr Vater es ihr eingebläut hatte. Werde ein guter kleiner Mann, aber niemals besser. Niemals.
Dieser Draht zog sich wie Stahl durch Hedwigs Körper. Er war der Grund, warum sie abends länger blieb, um Präsentationen zu perfektionieren, an die sich niemand erinnern würde. Warum sie höflich lächelte, wenn Investoren ihr mitten im Satz ins Wort fielen. Warum sie mehr gab, als verlangt wurde – und sich anschließend für ihre Erschöpfung schämte.
Jedes Mal, wenn sie versuchte, diesen Draht zu lockern, zogen Schuldgefühle und tiefe Prägungen ihn nur fester. Sie fürchtete, achtlos, egoistisch, schutzlos zu werden. Wie sollte sie überleben, wenn sie es wagte, diese Regeln zu brechen?
Der Draht der „ständigen Sichtbarkeit“
Später kam ein weiterer Strang hinzu – eingewebt während ihres Aufstiegs in der Konzernwelt: Sichtbarkeit ist alles. Sprich. Geh auf die Bühne. Nimm den Raum ein.
Doch mit der Zeit wurde auch das zu einer weiteren Form der Fessel. Jedes Outfit auf Wirkung geprüft. Jedes Wort kalkuliert. Jede Geste geprobt.
Die Performance endete nie.
Manchmal fragte sich Hedwig, ob unter all dieser Projektion überhaupt noch ein Selbst existierte. Sie konnte kaum noch unterscheiden, wo die Show endete – und sie begann.
Unter dieser Verwirrung tobte ein weiterer innerer Kampf. Neue Ideen von Empowerment, vorgeschlagen von früheren Coaches und aus Büchern gelernt, versprachen Freiheit – und kollidierten zugleich mit dem uralten Gesetz der Anpassung. Dem Basiscodex, der flüsterte: Du musst verdrahtet bleiben. Am Spalier festhalten. Dich nicht befreien.
Dieser innere Konflikt riss Hedwig hin und her – zwischen dem Ruf, auszutreten, und der Angst, genau jene Strukturen zu verlieren, die sie einst am Leben gehalten hatten. Dazu kam Schuld: Sie fühlte sich überhaupt nicht empowered. Also glaubte sie, mit ihr stimme etwas nicht. Sie sei nicht gut genug, um es „zu kapieren“. Niemand hatte ihr vom Spalier erzählt – und davon, dass jede Frau auf ihre eigene Weise damit verbunden ist.
All das hatte seinen Preis. Diese Drähte hatten ihren Erfolg möglich gemacht – aber sie hatten ihr ihren eigenen Rhythmus, ihre Lebendigkeit, ihre Freude genommen. Eigentlich: ihr Leben.
Ihr Körper führte Buch: Migräne, schlaflose Nächte, ein Blutdruck, der ihr in den Ohren hämmerte. Ihr Geist flüsterte von Freiheit – ihr Kalender sprach nur von Pflicht.
In dieser Phase wandte sie sich entschiedener unserer gemeinsamen Arbeit zu. Sie hatte mich im Moment ihres öffentlichen Triumphs gerufen – als ihr innerer Boden zu kippen begann. Doch jetzt reichte Klarheit nicht mehr.
Sie brauchte etwas Tieferes: Verankerung.
Die langsame Arbeit des Rhythmus
Verankerung geschieht nicht in einem Wochenend-Retreat oder durch eine plötzliche Erkenntnis. Sie ist das langsame Neuverweben innerer Fäden.
Für Hedwig begann sie mit kleinsten Entscheidungen.
Eines Abends sagte sie eine weitere Gala ab. Statt polierter Gespräche und strategischem Lachen saß sie barfuß auf ihrem Balkon und hörte dem Wind zu. Die Welt brach nicht zusammen. Ihre Abwesenheit fiel kaum jemandem auf.
Doch in ihrem Körper verschob sich etwas. Ein winziger Puls von Erleichterung. Ein neuer Rhythmus – fragil, aber lebendig.
Ein anderes Mal sprach sie ihre Meinung in einem Meeting aus, ohne vorher zu berechnen, wie sie ankommen würde. Ihre Stimme zitterte – ungewohnt offen. Als sie geendet hatte, war der Raum still. Dann sagte jemand leise: „Danke. Genau das musste gesagt werden.“
In diesem Moment spürte sie wieder den Draht: Sei nicht zu klug. Überstrahle nicht. Dominiere nicht.
So offen zu sprechen widersprach allem, was ihre Eltern ihr eingetrichtert hatten. Und doch war sie da – die Worte landeten, und die Welt ging nicht unter. Im Gegenteil: Sie machten sie ganzer.
Sie begann zu experimentieren. Ein Morgenspaziergang ohne Handy. Ihre Meinung auszusprechen, bevor sie die politische Lage abwog. Ihre Kinder ihre Müdigkeit sehen zu lassen, statt so zu tun, als könne sie alles.
Keine großen Gesten. Tägliche Schritte. Fragile Experimente.
Jedes Mal fühlte sie zugleich Angst und Erleichterung. Als beginne ihr Herz, lange unter fremden Rhythmen gepresst, wieder in seinem eigenen Takt zu schlagen.
Die Resonanz der Anderen
Im Teilen ihrer Kämpfe hörte Hedwig bald auch die Echos anderer. Eine Kollegin gestand, wie müde sie war, Kompetenz zu performen, obwohl sie sich nur nach Raum zum Atmen sehnte. Eine Freundin gab zu, dass sie vergessen hatte, wie sich Freude anfühlt – gefangen im Mahlwerk endloser Anforderungen.
Gemeinsam wurde eine verborgene Wahrheit sichtbar: Das Spalier ist nicht persönlich. Es ist systemisch.
Frauen überall wurden durch Drähte geformt, die sie nie gewählt hatten. Anders zu verankern war kein Luxus. Es war der erste Schritt eines leisen Widerstands. Überleben – nicht des alten Spalierprogramms, sondern des eigenen wahren Selbstes, das sich Bahn bricht.
Die Arbeit mit mir
Unsere Sitzungen wurden zu ihrem sicheren Fundament. Und sie begann zu verstehen: Das ist eine Reise, die konsequent Zeit und Präsenz braucht.
Manchmal kam sie mit Feuer in den Augen – bereit, einen Draht zu durchtrennen. Manchmal brach sie erschöpft zusammen, unsicher, ob sie noch einen Schritt gehen konnte.
Verankerung, erinnerte ich sie, hat nichts mit Perfektion zu tun. Sondern mit Praxis. Mit der Wahl von Präsenz statt Performance – auch wenn die Drähte schreien.
Gemeinsam kartierten wir die unsichtbare Architektur: Welche Stimmen gehörten zur Mutter, welche zum Boardroom, welche zur Angst selbst? Wir atmeten durch die Momente, in denen ihr Körper zusammenbrechen wollte, und lehrten ihr Nervensystem, dass Ruhe kein Versagen ist, sondern Fundament.
Stück für Stück lernte sie zu unterscheiden zwischen dem Spalier, das sie zurückzog, und dem inneren Rhythmus, der sie nach vorn rief.
Der lange Weg
Verankerung ist keine Ziellinie. Sie ist ein lebenslanger Rhythmus – eine Praxis des Zurückkehrens. Immer wieder.
An manchen Tagen findet sich Hedwig noch auf den Drähten wieder – gefangen in Schuld oder Performance. Die alten Konditionierungen tauchen wieder auf: Überstrahle nicht. Sei nicht zu klug. Dominiere nicht. Doch jetzt erkennt sie sie als das, was sie sind: ererbte Stimmen, nicht ihre Wahrheit.
Sie benennt sie. Und jedes Mal entscheidet sie sich ein wenig anders.
Langsam.
Behutsam wächst sie über das Spalier hinaus – Tag für Tag ein Stück.
✨ Praxis: Ehrgeiz beschneiden
Beobachte, wo dein Ehrgeiz in Erschöpfung umgeschlagen ist. Wähle diese Woche einen Ast zum Beschneiden:
– Sage Nein zu einer Anforderung, die nur der Außenwirkung dient. – Sprich eine Wahrheit aus, ohne sie zu polieren. – Erlaube dir einen Moment sichtbarer Unvollkommenheit.
Kleine Schnitte, geduldig wiederholt, befreien deinen Rhythmus zum Atmen.
Der tiefere Zyklus
Hedwig beginnt zu erkennen: Das hier ist der Beginn von Freiheit. Nicht die glänzende Freiheit aus Lifestyle-Magazinen – Mallorca, Bali, Ausstieg und Neuanfang. Denn die Drähte folgen überallhin.
Die rohe Wahrheit ist härter – und befreiender: Freiheit hat nichts mit Flucht zu tun. Sie bedeutet, im eigenen Leben zu bleiben und die Drähte einen nach dem anderen herauszureißen – notfalls mit den eigenen Händen.
Es ist blutige Arbeit. Tägliche Arbeit. Aber nur diese Arbeit lässt dich Schritt für Schritt aus deinem eigenen Puls leben – genau dort, wo du bist.
Ich kenne diese Wahrheit in meinem eigenen Körper. Vor Jahren verließ ich meine Corporate-Rolle nicht aus Mut, sondern aus Erschöpfung. Krank. Desillusioniert. Leer. Auch heute trage ich die Praxis der Verankerung weiter – lerne Tag für Tag, mehr aus meinem eigenen Rhythmus zu leben.
Der Zusammenbruch war zugleich eine Öffnung. Der tiefere Rhythmus ruft mich weiter.
Was Hedwig entdeckt, ist keine schnelle Lösung. Keine vorübergehende Erleichterung. Sondern der Beginn eines tieferen Zyklus – einer, der sie weiter tragen wird als jedes Spalier je konnte.
Der Deep Cycle handelt nicht von der nächsten IPO, nicht von Marktwerten oder Bewertungen. Er handelt davon, aus der ruhigen Quelle der eigenen weiblichen Macht zu leben – dem wahren Selbst, der eigenen Identität, der eigenen Wahrheit.
Hedwigs Geschichte ist nur ein Faden in diesem Geflecht. Vielleicht erkennst du dich darin wieder – die unsichtbaren Drähte, die Erschöpfung, die Sehnsucht nach einem Rhythmus, der endlich deiner ist.
Wenn ja, dann wisse: Du bist nicht allein. Der Orchard ist voller Frauen, die bereit sind, einen Ast nach dem anderen aus dem Spalier zu lösen. Und auch wenn alte Stimmen noch flüstern – überstrahle nicht, sei nicht zu klug, dominiere nicht – lernen immer mehr Frauen, diese Stimmen zu erkennen und sich für ihren eigenen Puls zu entscheiden.
PS: Dies ist das zweite Kapitel von Hedwigs Weg. Das nächste entfaltet sich, wenn sie in Souveränität aus innerer Überzeugung tritt.
🌳 Orchard Letter · OL 2 Wenn dieser Letter etwas in dir bewegt hat, lade ich dich ein, im Orchard zu bleiben — einem Raum der Reflexion über Frauen, Macht und innere Führung. Du kannst den nächsten Orchard Letter direkt in deinem Posteingang erhalten, wenn du meinen Newsletter abonnierst.
Mehr von dieser Arbeit findest du in meinem gratis E-Book Unapologetic Power.
Über die Autorin 30 Jahre internationale Führungserfahrung — davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen — sowie 15 Jahre an der Seite von Frauen in hohen Verantwortungsräumen. Renate Hechenberger öffnet Räume, in denen die innere Architektur sichtbar wird — eine Architektur, die Frauen in ihrer weiblichen Kraft verankert.
Der erste Schritt einer kraftvollen Frau in den Deep Cycle
Es gibt Momente, in denen die Strukturen, von denen wir glaubten, sie würden uns tragen, beginnen, gegen unsere Rippen zu drücken. Wenn Erfolg, sorgfältig aufgebaut, sich weniger nach Freiheit anfühlt – und mehr wie ein Käfig.
Für Hedwig kam dieser Moment in der Nacht, in der ihr Unternehmen an die Börse ging.
Die Fassade des Erfolgs
Nach außen war es alles, wovon sie geträumt hatte. Blitzlichter, Händedrucke, der Duft von Champagner und vielen Parfums. Sie stand auf der Bühne, als die Märkte öffneten, ihr Name in der Finanzpresse. Eine Frau in Führung, gefeiert für das, was sie erreicht hatte.
Doch in ihrem Körper entfaltete sich eine andere Realität. Ihre Schläfen pochten – ein Kopfschmerz, der sie seit Wochen begleitete. Ihr Magen war ein Knoten, enger gezogen durch Jahre der Kontrolle darüber, was sie aß, wie sie aussah, wie viel Raum sie einnehmen durfte. Später in dieser Nacht, allein im Hotelzimmer, ließ sie sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke. Schlaflos. Das Herz raste. Ihr Blutdruck war so hoch, dass sie ihn in den Ohren hörte. Der Applaus hallte noch nach – doch sie fühlte sich leer.
Niemand sah diesen Teil. Niemand fragte.
In dieser Zeit rief sie mich an. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs fühlte sie sich am tiefsten Punkt. Sie trug meine Kontaktdaten schon eine Weile bei sich – eine Empfehlung aus ihrem Umfeld –, doch „keine Zeit“ gehabt. Alles war in die Vorbereitung des Börsengangs geflossen.
Das Spalier
Seit unzähligen Generationen hinweg werden Frauen wie Spalierbäume erzogen: mit Potenzial gepflanzt, dann angebunden an unsichtbare Gerüste aus familiärer Pflicht, sozialer Anerkennung und unternehmerischen Codes. Jeder Ast beschnitten, sobald er zu weit wuchs. Jede Blüte gemessen an äußeren Maßstäben. Aus der Distanz wirkt der Obstgarten perfekt – eine saubere grüne Wand, jede Frucht auf die richtige Größe und Form getrimmt. Der verborgene Preis jedoch ist, dass der Baum nicht mehr in seine eigene Richtung wachsen kann.
Dieses Bild allein könnte einen ganzen Artikel füllen – eine tiefgehende Betrachtung des Spaliers selbst, wie Ordnung Zwang tarnt. Hier markiert es den Beginn von Hedwigs Bewusstwerdung. Die tiefere Erforschung wartet auf ein weiteres Kapitel.
Der verborgene Preis des Käfigs
Hedwig war seit ihrer Kindheit beschnitten worden. Hinweise auf ihr Gewicht. Kritik an ihrer Kleidung. Lob nur dann, wenn sie schlank, gepflegt, angepasst wirkte. Die Botschaft war eindeutig: Ihr Körper gehörte nicht ihr, sondern war eine Projektionsfläche für die Zustimmung anderer.
Mit dreißig hatte sie die Routine perfektioniert: brutale Workouts, ausgelassene Mahlzeiten, Nächte, die in Scham endeten, wenn sie das aß, was sie sich tagsüber verboten hatte. Nach außen war sie schlank, stilvoll, makellos in ihren Anzügen. Nach innen trug sie die geheimen Kriege eines Körpers, dem nie erlaubt worden war, einfach zu sein.
Im Boardroom ging das Beschneiden weiter. Männliche Kollegen scherzten über ihre „Killer-Heels“. Investoren lobten ihr „Image“ ebenso wie ihre Strategie. Sie lernte, ihre Stimme zu kontrollieren – nie zu scharf, nie zu weich. Sie bewegte sich stets in dem engen Korridor, der ihr zugestanden wurde: kompetent, attraktiv, nicht bedrohlich.
Warum sie zu mir kam
Als wir uns trafen, hatte Hedwig alles, was man ihr beigebracht hatte zu wollen: Macht, Anerkennung, Wohlstand. Doch ihr Körper begann zu kollabieren. Migräne, Schlaflosigkeit, steigender Blutdruck – dieselben Symptome, die sie auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs dazu gebracht hatten, mich anzurufen. Der öffentliche Triumph hatte sie privat ausgehöhlt. Ihre Nächte waren erfüllt vom Wachliegen im Dunkeln und der Frage, warum sie sich gefangener fühlte als je zuvor.
Sie kam nicht, weil sie mehr Erfolg wollte. Sie kam, weil sie wusste, dass sie kein weiteres Jahr so überleben würde. Sie sehnte sich nach Klarheit – doch das war nicht der eigentliche Grund. Die meisten Frauen suchen mich nicht, weil sie Klarheit begehren. Sie kommen, weil sie oben angekommen sind und zugleich Schmerzen haben, erschöpft sind oder verzweifelt versuchen, ihr Leben zurückzuerobern.
Hedwig war nicht anders. Sie fürchtete, was Klarheit zeigen würde, weil sie bedeutete, den Blick direkt auf die inneren Strukturen zu richten: die geerbten Regeln, die wiederholten Lügen, den Käfig, in den sie nicht nur gesetzt worden war, sondern den sie selbst von innen verschlossen hatte.
Der schmerzhafte Beginn
Die ersten Schritte des Deep Cycle sind selten bequem. Das erkannte Hedwig schnell. In unserer Arbeit begann sie, das feine Gewebe ihrer inneren Architektur wahrzunehmen – all die Stimmen, in die sie sich verstrickt hatte und die nicht ihre eigenen waren.
Die ständigen Hinweise der Mutter, wie sie sich zu präsentieren habe – immer geschniegelt, immer schlank –, als läge ihr Wert ausschließlich in der Oberfläche. Die Überzeugung des Vaters, Gefühle zu zeigen sei Schwäche. Der unsichtbare Anspruch der Unternehmenswelt, makellos, unangreifbar, poliert zu bleiben.
Es zu sehen tat weh. Es zu benennen tat noch mehr weh. Und doch begann sie langsam zu begreifen: Entkopplung bedeutete, das Spalier zu verlassen – und den Beginn von Selbstentdeckung.
Die Entkopplung
Eines Tages kam sie erschöpft in unsere Sitzung, nach einer weiteren schlaflosen Nacht. Fast flüsternd sagte sie: „Ich sehe jetzt, wie viel meines Lebens geliehen war. Ich habe Regeln getragen, die nie meine waren. Es fühlt sich an, als hätte ich in der Haut einer anderen gelebt.“
Dieser Moment war Klarheit. Nicht die triumphale, sondern die rohe, unverhüllte. Sie lag nicht falsch mit ihrem Gefühl des Eingesperrtseins. Das Spalier war real. Das Beschneiden unerbittlich. Doch der Baum in ihr lebte noch.
Entkopplung bedeutete für Hedwig nicht, ihr Leben über Nacht zu zerreißen. Es bedeutete, innezuhalten und zu erkennen: Dieser Gedanke ist nicht meiner. Dieser Druck gehört nicht zu mir. Es bedeutete zu lernen, zwischen dem Echo alter Regeln und der leisen Wahrheit der eigenen inneren Stimme zu unterscheiden.
Es war nicht leicht. An manchen Tagen wollte sie zurück in die vermeintliche Sicherheit der alten Struktur, die Käfigtür wieder schließen. Doch nach und nach erlaubte sie einem Ast, sich frei zu bewegen. Sie nahm sich Stück für Stück Raum zurück.
Der Mut hinzusehen
Klarheit ist niemals nur intellektuell. Sie ist verkörpert. Sie ist der Mut zuzugeben: Ich war an meiner eigenen Einengung beteiligt. Auch das erkannte Hedwig – die unbequeme Einsicht, dass sie die Regeln lange selbst durchgesetzt hatte, nachdem niemand mehr zusah. Dass sie die Tür von innen verriegelt hatte, weil sie keinen anderen Weg kannte.
Diese Wahrheit zu betrachten brachte Tränen, manchmal Wut. Doch sie brachte auch den ersten Geschmack von Freiheit. Denn in dem Moment, in dem du erkennst, dass du den Schlüssel hältst, erkennst du auch, dass du die Tür öffnen kannst.
Ein neuer Anfang
Die Nacht des Börsengangs wird immer Teil von Hedwigs Geschichte bleiben. Doch sie ist nicht länger der Höhepunkt. Sie ist der Hintergrund für den Beginn ihrer eigentlichen Reise: den Deep Cycle. Eine Reise nicht ins Mehr, sondern in das, wer und was sie wirklich ist.
Klarheit & Entkopplung war nur der erste Schritt. Der Beginn eines langsamen, entschlossenen Prozesses, in dem sie die Äste zurückholt, die in starre Linien gezwungen worden waren, die Drähte des Beschneidens abstreift und entdeckt, wie ihr Baum wirklich wachsen will.
Dies ist das erste Kapitel von Hedwigs Geschichte. Der nächste Schritt wird sich entfalten, wenn sie lernt, sich in ihrem eigenen Rhythmus zu verankern – nicht länger für die Erwartungen anderer zu performen, sondern den Puls zu finden, der schon immer der ihre war.
Ein weiterer Artikel wird später das Spalier-Motiv tiefer beleuchten. Es ist eine große Geschichte, die Frauen teilen.
Wenn Hedwigs Weg dich berührt, teile ihn mit Freundinnen und Kolleginnen. Viele Frauen in Führung versuchen noch immer, das Spalier hinter sich zu lassen – und aus einem Käfig zu treten, den sie nie gewählt haben.
🌳 Orchard Letter · OL 1 Wenn dieser Letter etwas in dir bewegt hat, lade ich dich ein, im Orchard zu bleiben — einem Raum der Reflexion über Frauen, Macht und innere Führung. Du kannst den nächsten Orchard Letter direkt in deinem Posteingang erhalten, wenn du meinen Newsletter abonnierst.
Mehr von dieser Arbeit findest du in meinem gratis E-Book Unapologetic Power.
Über die Autorin 30 Jahre internationale Führungserfahrung — davon 20 Jahre in leitenden Corporate-Positionen — sowie 15 Jahre an der Seite von Frauen in hohen Verantwortungsräumen. Renate Hechenberger öffnet Räume, in denen die innere Architektur sichtbar wird — eine Architektur, die Frauen in ihrer weiblichen Kraft verankert.